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Wer mit mir während meines Freiwilligeneinsatzes im Kontakt stehen möchte, erreicht mich unter der E-Mail-Adresse


                                                       verena.engert@gmx.de





Planänderung!


 

Trotz guter Vorbereitung und Recherche ist es nicht geglückt, das Visum vor Reisebeginn zu erlangen. Laut Konsulat können wir dies für unseren Freiwilligendienst erst vor Ort in Peru erledigen. Also müssen Marlen (meine österreichische Mitfreiwillige) und ich den Flug umbuchen und noch eine Woche Aufenthalt in Lima einbauen, um dort die Behörden aufzusuchen.

Dies erweist sich im Nachhinein als Geschenk, denn sonst hätten wir die Hauptstadt und ganz besonders unsere wunderbare Gastfamilie nicht kennengelernt!

Bei Adriana und ihrer Familie waren wir wie zwei weitere Kinder aufgenommen und haben den Alltag einer peruanischen Familie voll miterlebt. Wir haben zusammen gekocht, waren beim Einkauf mit dabei, haben uns mit der kalten Dusche arrangiert und der unbeheizten Wohnung, in der es zur aktuellen peruanischen Winterzeit wirklich ungemütlich seine kann.

Aber das alles wurde relativiert durch deren Herzlichkeit: Lucia, die 18jährige Tochter, hat uns ihr Zimmer für eine Woche überlassen und auf dem Sofa geschlafen. José, der 26jährige Sohn, war für uns wie ein Bodyguard in der Stadt, die nicht zu unterschätzen ist und hat uns viele Ecken und Winkel gezeigt. Adriana hat ca. 20mal mit der Fluggesellschaft LATAM telefoniert, da Marlen's Koffer fünf Tage lang nicht ankam. Und Carlos, der Herr des Hauses, hat uns 1,5 Stunden lang durch den unbeschreiblich chaotischen Verkehr in Lima buchsiert, um vom Flughafen zum Haus zu gelangen. Dabei sind es nur wenige Kilometer!

Während dieser Woche haben wir viel gelernt über Peru, die Stadt Lima, die Kultur und Lebensgewohnheiten, über die politische Situation sowie die Sicherheitslage und haben am Verkehr, dem Müll, Gestank nach Abgasen und der puren Armut auf den Straßen bemerkt, dass sich das Leben hier so sehr von unserem unterscheidet.

Doch durch die Menschen wird es zu einem Ort, den man liebgewinnt und beinahe nicht mehr verlassen möchte. Doch wir haben noch viel vor und müssen uns damit (zumindest vorläufig) am 31. August verabschieden!

 

... und plötzlich bin ich in einer anderen Welt...


 

Der erste Tag in Piura, meiner "neuen Heimat" hat sich angefühlt, als würde ich alles, was das Leben hier ausmacht mit all seinen Fasetten, im Zeitraffertempo durchfliegen.

Gabi, die Chefin und zugleich das Herz von CANAT, hat uns vom kleinen Flughafen abgeholt und zu unserer Wohnung gefahren. Der erste Eindruck war happig - wir wohnen in einem "barrio" mit schlechten Straßen, alten Häusern und vielen streunenden Hunden. Unser Gepäck wird von unserem Vermieter Guido mit einem Seil am Balkon in den ersten Stock gezogen, da es nicht durch den engen Wendeltreppenaufgang passen würde. Auf dem Kühlschrank sitzt eine pechschwarze Katze mit langen Krallen und die Zimmer sind dunkel und stickig.

 

Viel Zeit, um darüber nachzudenken, bleibt nicht, denn Gabi schnappt uns, um gleich weiterzufahren in ein Außenviertel ("el campo"), in dem ein kirchliches Fest stattfindet (siehe Foto oben links und rechts). Der Weg dorthin zeigt unverblümt, wie arm die Menschen hier leben. Staubige, steinige Straßen mit vielen Schlaglöchern, überall Dürre und wenige Minuten später nur noch eine Sandlandschaft! Darin sind die ärmlichen Hütten gebaut, in denen die Familien auf einer Feuerstelle auf dem Boden kochen. Dazwischen viele Hunde, Schweine, Hühner und ganz, ganz viel Müll! Dies belastet mich nach über einer Woche hier in Piura noch immer extrem und ist für mich unverständlich. Müll überall: in der Stadt, den campos, auf dem Markt und am Meer.

 

Bei der Feierlichkeit werden wir "Weißen" sofort auf Plastikstühlen in der ersten Reihe platziert und erhalten eine Flasche Wasser. Alle anderen Besucher stehen in der prallen Sonne! Die Kinder stellen in einem Theaterstück sehr diszipliniert die Geschichte Perus dar. Sie tragen schöne und aus primitiven Mitteln hergestellte Kostüme und bemühen sich, den Text über die rauschenden und pfeifenden Mikrofone zu präsentieren. Voller Hingabe schlüpfen sie in ihre Rollen und lassen sich nicht beeindrucken von den hohen Temperaturen und der gnadenlosen Sonne, die urplötzlich hinter den Wolken hervortritt.

 

Im campo riecht es streng - beinahe nach Verwesenem und überall stehen unvollendete oder schon lange renovierungsbedürftige Häuser. Einige kleine Mädchen spielen ausdauernd mit ihren schönen Festtagskleidchen auf einem Steinhaufen mit einem kaputten Plastikteller. Es scheint, als wären alle Einwohner an dieses Leben hier gewöhnt und die Gemeinschaft im Dorf kann man als Besucher sehr schnell spüren. Doch wir müssen weiter! Gabi möchte uns noch das Zentrum von CANAT zeigen, in dem wir arbeiten werden. Sie wird von vielen Menschen im Dorf verabschiedet und umarmt - sie ist ein gern gesehener und sehr geschätzter Mensch, wie wir auch in den nächsten Wochen immer wieder erfahren werden, ganz besonders bei den Menschen, um die sich sonst niemand kümmert!

 

CANAT befindet sich hinter hohen Mauern abgeschirmt direkt neben dem großen Markt in Piura. In den Straßen ist ein lebhaftes Treiben, Händler am Straßenrand, Händler im Markt, fahrende Händler, dazwischen reihen sich Mototaxis, Fußgänger, Bauarbeiter und wieder jede Menge Müll! Die Sicherheitslage ist nicht zu unterschätzen und besonders wir "Weiße", genannt "gringas", fallen hier unter den wenigen Touristen besonders auf und unterliegen dem Vorurteil, besonders reich zu sein, schon allein deshalb, weil wir uns den weiten Flug nach Peru leisten können.

 

CANAT erscheint dagegen wie ein Idyll in all dem Trubel und Lärm. Die Räume sind alle sehr gepflegt und bunt;  die Türen bleiben auch während des Unterrichts immer offen, denn Transparenz ist hier sehr wichtig. Weiter gibt es Spielfelder, einen Speisesaal und Duschräume.

 

Doch die Arbeit hier und die Abläufe werde ich in den nächsten Tagen kennenlernen und dann darüber berichten!

 

Was ich nach den wenigen Tagen hier auf jeden Fall schon sagen kann:  hier möchte ich für ein Jahr tiefer eintauchen und freue mich, die Möglichkeit zu haben, an diesem ganz anderen und neuen Leben teilhaben zu dürfen!

 

 

 

 

 

 

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CANAT und die Ludotecas - ein Paradies für die arbeitenden Kinder


 

Nach genau einem Monat in Peru ist schon so einiges zur "Normalität" geworden und fällt mir beinahe nicht mehr auf, was mich im letzten Blogeintrag noch regelrecht schockiert hat! Das heißt jedoch nicht, dass man deshalb über gewisse Dinge hinwegsehen oder sie sogar akzeptieren kann; z.B. der viele Müll und die schlechte Luft in der Stadt - bedingt durch die klapprigen Autos und Mototaxis, bei denen man z.T. wirklich skeptisch ist, sein gewähltes Fahrziel zu erreichen.

 

Keine Toleranz gibt es für im Bereich der Kinderarbeit und Bildung! Heute war ich um 4.00 Uhr am Morgen auf dem rießigen Fischmarkt in Piura, auf dem auch die Gastronomie ihre Einkäufe tätigt. Dort habe ich unverblümt viele Kinder mit schwer beladenen  Sackkarren gesehen, welche die Fracht der großen LKW's versorgen. Die ganz Kleinen werden an der Hand ihrer Mama durch die dunkle Nacht geführt, die ihre selbstgemachten Säfte oder Kuchen anpreist. So wachsen diese Kinder auf, ohne es anders zu kennen!

 

Um genau diese Kinder geht es bei CANAT! Das Zentrum (siehe Bild Mitte oben) ist ein Ort, an dem sie eine warme Mahlzeit einnehmen und duschen können und anschließend in ihrer Altersgruppe Fähigkeiten wie Sozialkompetenz, ihre Rechte, gesundheitliche Erziehung aber auch kleine Lerneinheiten vermittelt bekommen. Danach toben sie sich meist bei einer Fußballpartie aus - selbst für die Mädchen ist diese Sportart der absolute Favorit! Bei CANAT sind sie  in einer behüteten Atmosphäre und manche erleben sogar einen Ersatz für das zerrüttete Familienverhältnis,aus dem sie kommen.

 

Gabi, meine Chefin, hat mir von einem kleinen Jungen erzählt, dessen Mutter gestorben ist, weshalb er nun bei seiner Tante lebt, die mit dieser Aufgabe gesundheitlich und finanziell total überfordert ist. Auch er ist gezwungen, jeden Morgen bei tiefer Dunkelheit auf dem Markt zu helfen. Er würde so gerne seinen Vater kennenlernen, der an dieser Bekanntschaft aber nicht interessiert ist! Nun hat er bei CANAT einen Ort gefunden, wo er willkommen ist und KIND sein darf!

 

Ein weiterer Teil von CANAT sind die Ludotecas (siehe Bilder rechts und links oben). Diese befinden sich am Stadtrand in "Monica Zapata". Dort leben die Menschen in Hütten wie in einer Wüstenlandschaft. Alles ist umgeben von Sand, Staub und Hitze. Die Kinder spielen barfuß auf den staubigen Straßen zwischen all den freilaufenden Hunden. Für sie ist jeden Dienstag bis Freitag von 16 bis 18 Uhr die Möglichkeit gegeben, zur Ludoteca zu kommen. In vier Altersgruppen (insgesamt von 0 bis 12 Jahren) werden sie von einem sog. "formador" und einem von uns Freiwilligen betreut, um zu spielen, zu lachen, zu singen, aber auch um zu lernen, dass Gewalt und Agressivität keine Probleme löst und es wichtig ist, zuverlässig und verantwortungsbewusst sowie kameradschaftlich in der Freizeit aber auch in der Schule zu handeln! Dies wird mit den Älteren (7 bis 12jährigen) auch jew. zu Beginn und Ende der Einheit in einem Sitzkreis diskutiert. 

 

Ich darf mich zukünftig den 4 bis 6jährigen annehmen. Zugegeben, es ist die "wildeste" Truppe mit viel Energie. Da fliegt schon mal  ein Spielzeug durch die Luft, wenn es einfach nicht mit einem anderen Kind geteilt werden will! Doch darin sehe ich meine Herausforderung für die nächsten 11 Monate und gehe an jedem Abend sehr erfüllt und glücklich nach Hause! Wenn uns das Taxi bei untergehender Sonne durch die Sandlandschaft in die lebhafte Stadt zurückfährt, habe ich noch die Bilder von den Kindern im Kopf, die sich mir einfach auf den Schoß setzen und ein Buch mit mir anschauen möchten, für die ich hunderte von Mickeys und Minnies zeichnen oder Knet-Elefanten basteln soll. Ihr Lachen und ihre Dankbarkeit  ist das größte Geschenk für diesen Freiwilligendienst!

 

La tortuga - die Kinder vom Strand


 

 

Dieses kleine Fischerstädtchen erscheint wie ein Paradies am Meer - getrübt jedoch vom Müll, der sich auch hier überall ausbreitet und vom Winde verweht wird. Doch dies scheint die Menschen nicht zu stören. Auch dies gehört zum Alltag, genauso wie das harte und herausfordernde Leben hier!

 

Erschöpft bin ich schon vor der Ankunft, denn die 70 km weite Strecke von Piura hierher erstreckt sich über ein Drittel der 1,5 Stunden langen Fahrt auf  holprigen und staubigen Straßen mit vielen Schlaglöchern. Die Gegend ist total unbewohnt - bis wir nach La tortuga kommen.

 

Die Bilder dort erschlagen mich beinahe: primitive Bretterhütten ohne Fenster, davor springen Hunde und Kinder auf dem staubigen Boden und Wäscheleinen baumeln im staubigen Wind. Vor einem Haus liegt ein enthauptetes Rind, das gerade zerlegt wird. Rundherum scharen sich Kinder und Erwachsene. All diese Eindrücke sind erst einmal zu realisieren - Bilder, die in meiner Heimat im gesellschaftlichen Leben undenkbar sind.

 

Genau hier  möchten wir den Kindern, die auf den Müllhalden, in der Fischerei ihrer Eltern oder auf Friedhöfen hart arbeiten müssen, ein paar schöne und unbeschwerte Stunden schenken. Die Familien sind auf jedes Einkommen angewiesen, um überleben zu können.

 

Ohne zu zögern steigen die Kleinen in unseren Van ein und so fahren wir mit 8 Erwachsenen und 15 Kindern besetzt zum ca. 15 Minuten entfernten Strand. Es ist schon absurt: das Meer liegt direkt vor ihrer Haustüre, doch ohne uns ist es für die Kinder scheinbar unerreichbar!

 

Hier toben sie sich aus, genießen das Meer, die Wellen, begutachten neugierig einen gestrandeten Delphin, sammeln Muscheln und bauen mit uns ein Haus aus Treibholz. Ein kleines Highlight wird die Zubereitung von Ceviche (rohem, mit Limettensaft mariniertem Fisch); ganz unkompliziert auf den Meeresfelsen. Die kleinen Mädchen nehmen die Fische gekonnt aus und immer wieder schieben die kleinen blutverschmierten Hände ein rohes Fischstückchen in ihren Mund. Diese Delikatesse ziehen sie selbst Schokolade vor. Das sind eben richtige kleine Peruaner, die ihre Kultur leben!

Zum Nachtisch teilen wir auf einer Decke am Strand eine große Wassermelone. Dabei legen die Kinder großen Wert darauf, dass auch wirklich jeder ein Stück bekommt und sie teilen ganz gerecht miteinander!

 

Anschließend fahren wir zurück ins Städtchen, um in der Ludoteca (Spielstube) zusammen zu spielen und zu singen. Wie die Lämmchen sitzen die Kinder im unmöbilierten Raum auf dem kalten Boden und lauschen den Märchen, die wir vorlesen. Es ist so schön zu sehen, wie ihre Augen strahlen und sie glücklich sind.

 

Der Abschied am Nachmittag fällt nicht leicht, doch wir versprechen, in zwei Wochen wiederzukommen. Mit vielen Eindrücken fahre ich zurück! Wie muss sich das Leben hier wohl anfühlen? Die meisten verlassen diesen Ort zu keiner Zeit ihres Lebens. Sie kennen nur dieses Fleckchen Erde, das abgeschnitten zu sein scheint vom Rest der Welt.

 

Doch genau dahin möchte ich bald zurückkehren - zu den kleinen Seesternchen von La tortuga!

 

 

La sierra - die Anden! Peru von einer ganz anderen Seite...


 

Nach sechs Wochen in Peru ergibt sich aufgrund eines Feiertags die Möglichkeit, das verlängerte Wochenende für eine Reise in die Anden zu nutzen. Cajamarca heißt das Ziel, ein Luftkurort auf einer Höhe von 2.720 m Höhe über dem Meer. Deshalb warnen mich auch alle Einwohner von Piura, die nur knapp 30 Meter über dem Meeresspiegel wohnen, vor der gefürchteten Höhenkrankheit "soroche". Kokablätter werden mir schnell empfohlen und ich habe den Eindruck, bei manchen ist nichts im Gedächtnis geblieben vom herrlichen Bergstädtchen als der Schwindel und die Übelkeit...

 

Doch dazu wird es bei mir zum Glück nicht kommen. Ich freue mich auf den Käse in Cajamarca, der in ganz Peru bekannt ist. Wir leeren vor der Reise nochmals unseren Kühlschrank, um nach der Rückkehr  noch möglichst lange davon zehren zu können. Denn Milchprodukte sind in Piura sehr selten und extrem teuer! Dafür haben wir ein breites Obst- und Gemüseangebot, das ich auch nicht mehr missen möchte! 

 

Nach 10-stündiger Busfahrt durch die Nacht kommen wir am nächsten Morgen um 5 Uhr an unserem Ziel an - zugegeben etwas erschöpft, da die Peruaner wirklich extrem geräuschresistent zu sein scheinen und selbst im Bus ein lautstarker Film die Reisegäste zu unterhalten versucht. Absolut unnötig, denn auch die Peruaner ziehen es vor zu schlafen - mit dem Unterschied, dass es ihnen gelingt und uns Europäern leider nicht. In diesem Punkt muss ich in Sachen Integration noch an mir arbeiten!

 

Doch als der Tag anbricht ist die Müdigkeit schnell vergessen. Ich bin beeindruckt von der grünen Umgebung, von der sauberen Luft und dem gediegenen Verkehr. Ich komme mir fast vor wie in Hohenlohe - wären da nicht die vielen Straßenverkäuferinnen, die in ihren bunten Trachten und mit ihren großen Hüten ihre Waren anbieten: Käse, Stoffe, Süßigkeiten, natürlich auch Kokablätter, Gebäck und Schmuck. Sie nehmen  zum Teil täglich den beschwerlichen Weg vom Umland in die Stadt auf sich, um durch den Erlös ihrer Waren die Familie ernähren zu können. Die meisten von ihnen tragen keine Schuhe und haben auffallend robuste Füße. Die Stadt Cajamarca ist in den letzten Jahren beinahe explodiert, da sich viele Andenbewohner ein besseres Leben in der Stadt erhoffen, was sich leider oft nicht bewahrheitet.

 

Bei einer Tour in den Bergen bestaune ich die Spuren der Inkas, die noch immer präsent sind: ein sehr ausgeklügeltes Bewässerungssystem hat die Bewohner der Anden mit Wasser versorgt und so das Leben dort ermöglicht. Spannende Zeichnungen auf den Felsen erzählen von deren Religion, von Mythen und Göttern. 

 

Ja, ich komme mir vor, als wäre ich in ein anderes Land gereist. Mit dem Leben in Piura hat es fast nichts gemein und ich kann buchstäblich aufatmen. Die Luft ist herrlich und die Armut wenig offensichtlich. Diese konträren Eindrücke machen mich neugierig, mehr von diesem unglaublichen Land mit einer Ausdehnung von 2.600 km von Nord nach Süd kennenzulernen. Doch nun geht es erst einmal zurück zu meinen Kindern in Piura, die schon auf mich warten. Es ist schön zu wissen, dass ich dort gebraucht werde!

 

 

Willkommen zuhause in der Armut - dort, wo unsere Kinder leben


 

Jetzt sind wir da angekommen, wo unser Projekt von CANAT ansetzt! Im Leben der Kinder, an dem Ort, wo sich ein Kind eigentlich geborgen, geschützt, sicher und gesund fühlen darf. Ein geordnetes Zuhause mit einem eigenen Bett, mit Spielsachen, einer Dusche und einem gesunden und ausgewogenen Essen.

 

Als ich das Zuhause einiger unserer Kinder von CANAT besuche, sich die "Haustüre" vor mir öffnet und ich eintrete, erschließt sich vor meinen Augen eingentlich genau das Gegenteil von dem, was für eine unbeschwerte Kindheit und die Hoffnung auf eine positive Zukunft wichtig ist!

 

Die Bilder, die ich diesem Bericht beifüge, sprechen für sich! Doch wer lebt hier, wie läuft das Leben hier ab, was sind die großen Sorgen dieser Menschen? Das habe ich mich gefragt und auf das möchte ich hier auch eine Antwort geben:

 

Louis, ca. 8 Jahre alt,  war an diesem Nachmittag mit seinen fünf Geschwistern ganz alleine im Haus, das mehr einer Hütte gleicht. Doch das ist für ihn keine ungewohnte Situation. Das kleine Schwesterchen, vielleicht 2 Jahre alt, war unbeaufsichtigt in einem Kübel mit kaltem Wasser, um zu baden. Als wir sie herausgenommen haben, war ihr Körper schon ganz kalt. Gabi, meine Chefin und zugleich die Direktorin von CANAT, hatte zufälligerweise Handtücher als Geschenk dabei. Wir haben das Mädchen abgetrocknet und in ihr schmutziges rosa Kleidchen gesteckt; etwas Sauberes war auf die Schnelle in diesem Chaos, in dem auch die Hühner und Fasane herumspringen, nicht zu finden.

 

Bei Edwin war nur die Oma mit im Haus, welche die Kinder hütet, während die Mutter auf dem Müllplatz arbeitet. Sie sucht nach recyclebaren Materialien, die für etwas Geld verkauft werden können. Die Oma hat geweint, weil sie kein Geld hat, um das Essen für heute zu kaufen. Eine richtige Arbeit zu finden, ist fast unmöglich und sie hat starke Rückenschmerzen, die sie zusätzlich quälen. Sie hat uns in die "Küche" geführt, die durch ein Tuch abgehängt ist vom anderen Raum. Dort befindet sich eine Feuerstelle auf dem Erdboden und drumherum nur Müll, der wohl noch veräußert wird. Man kann sich auf dem chaotischen Fleck von 3qm kaum bewegen.

 

Hier wird mir wieder bewusst, wie wichtig es ist, die Familien zu unterstützen! Kinder in diesem Alter alleine zuhause zu lassen, wäre für uns in Deutschland undenkbar. Es wird nach einer KiTa, Ganztagesbetreuung in der Schule geschaut oder die Großeltern springen ein. Doch hier in Peru?

 

CANAT bietet den Kindern die Möglichkeit, der Betreuung, Zuwendung und Versorgung. In dieser Zeit können die Eltern (oder oft auch alleinerziehenden Mütter) einer Tätigkeit nachgehen, ohne ihre "Aufsichtspflicht" zu verletzen. 

Bei CANAT hat jemand Zeit für die Kinder, hört ihnen zu, gibt ihnen die Gelegenheit zu duschen und ein Mittagessen einzunehmen. Hier lernen sie für's Leben: welche Rechte und Pflichten sie haben, was ein gesundes Leben ausmacht, welche Umgangsformen man pflegt - und sie haben Raum, um zu spielen! Dies sind ein paar Stunden, in denen sie keine Verantwortung tragen und Hoffnung schöpfen können auf eine bessere Zukunft - vielleicht als von CANAT ausgebildeter Koch, als Kosmetikerin oder als Schneider!