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Wer mit mir während meines Freiwilligeneinsatzes im Kontakt stehen möchte, erreicht mich unter der E-Mail-Adresse

                                                       verena.engert@gmx.de




Planänderung!

 

30.08.2018

 

Trotz guter Vorbereitung und Recherche ist es nicht geglückt, das Visum vor Reisebeginn zu erlangen. Laut Konsulat können wir dies für unseren Freiwilligendienst erst vor Ort in Peru erledigen. Also müssen Marlen (meine österreichische Mitfreiwillige) und ich den Flug umbuchen und noch eine Woche Aufenthalt in Lima einbauen, um dort die Behörden aufzusuchen.

Dies erweist sich im Nachhinein als Geschenk, denn sonst hätten wir die Hauptstadt und ganz besonders unsere wunderbare Gastfamilie nicht kennengelernt!

Bei Adriana und ihrer Familie waren wir wie zwei weitere Kinder aufgenommen und haben den Alltag einer peruanischen Familie voll miterlebt. Wir haben zusammen gekocht, waren beim Einkauf mit dabei, haben uns mit der kalten Dusche arrangiert und der unbeheizten Wohnung, in der es zur aktuellen peruanischen Winterzeit wirklich ungemütlich seine kann.

Aber das alles wurde relativiert durch deren Herzlichkeit: Lucia, die 18jährige Tochter, hat uns ihr Zimmer für eine Woche überlassen und auf dem Sofa geschlafen. José, der 26jährige Sohn, war für uns wie ein Bodyguard in der Stadt, die nicht zu unterschätzen ist und hat uns viele Ecken und Winkel gezeigt. Adriana hat ca. 20mal mit der Fluggesellschaft LATAM telefoniert, da Marlen's Koffer fünf Tage lang nicht ankam. Und Carlos, der Herr des Hauses, hat uns 1,5 Stunden lang durch den unbeschreiblich chaotischen Verkehr in Lima buchsiert, um vom Flughafen zum Haus zu gelangen. Dabei sind es nur wenige Kilometer!

Während dieser Woche haben wir viel gelernt über Peru, die Stadt Lima, die Kultur und Lebensgewohnheiten, über die politische Situation sowie die Sicherheitslage und haben am Verkehr, dem Müll, Gestank nach Abgasen und der puren Armut auf den Straßen bemerkt, dass sich das Leben hier so sehr von unserem unterscheidet.

Doch durch die Menschen wird es zu einem Ort, den man liebgewinnt und beinahe nicht mehr verlassen möchte. Doch wir haben noch viel vor und müssen uns damit (zumindest vorläufig) am 31. August verabschieden!

 

... und plötzlich bin ich in einer anderen Welt...

 

02.09.2018

 

Der erste Tag in Piura, meiner "neuen Heimat" hat sich angefühlt, als würde ich alles, was das Leben hier ausmacht mit all seinen Fasetten, im Zeitraffertempo durchfliegen.

Gabi, die Chefin und zugleich das Herz von CANAT, hat uns vom kleinen Flughafen abgeholt und zu unserer Wohnung gefahren. Der erste Eindruck war happig - wir wohnen in einem "barrio" mit schlechten Straßen, alten Häusern und vielen streunenden Hunden. Unser Gepäck wird von unserem Vermieter Guido mit einem Seil am Balkon in den ersten Stock gezogen, da es nicht durch den engen Wendeltreppenaufgang passen würde. Auf dem Kühlschrank sitzt eine pechschwarze Katze mit langen Krallen und die Zimmer sind dunkel und stickig.

 

Viel Zeit, um darüber nachzudenken, bleibt nicht, denn Gabi schnappt uns, um gleich weiterzufahren in ein Außenviertel ("el campo"), in dem ein kirchliches Fest stattfindet (siehe Foto oben links und rechts). Der Weg dorthin zeigt unverblümt, wie arm die Menschen hier leben. Staubige, steinige Straßen mit vielen Schlaglöchern, überall Dürre und wenige Minuten später nur noch eine Sandlandschaft! Darin sind die ärmlichen Hütten gebaut, in denen die Familien auf einer Feuerstelle auf dem Boden kochen. Dazwischen viele Hunde, Schweine, Hühner und ganz, ganz viel Müll! Dies belastet mich nach über einer Woche hier in Piura noch immer extrem und ist für mich unverständlich. Müll überall: in der Stadt, den campos, auf dem Markt und am Meer.

 

Bei der Feierlichkeit werden wir "Weißen" sofort auf Plastikstühlen in der ersten Reihe platziert und erhalten eine Flasche Wasser. Alle anderen Besucher stehen in der prallen Sonne! Die Kinder stellen in einem Theaterstück sehr diszipliniert die Geschichte Perus dar. Sie tragen schöne und aus primitiven Mitteln hergestellte Kostüme und bemühen sich, den Text über die rauschenden und pfeifenden Mikrofone zu präsentieren. Voller Hingabe schlüpfen sie in ihre Rollen und lassen sich nicht beeindrucken von den hohen Temperaturen und der gnadenlosen Sonne, die urplötzlich hinter den Wolken hervortritt.

 

Im campo riecht es streng - beinahe nach Verwesenem und überall stehen unvollendete oder schon lange renovierungsbedürftige Häuser. Einige kleine Mädchen spielen ausdauernd mit ihren schönen Festtagskleidchen auf einem Steinhaufen mit einem kaputten Plastikteller. Es scheint, als wären alle Einwohner an dieses Leben hier gewöhnt und die Gemeinschaft im Dorf kann man als Besucher sehr schnell spüren. Doch wir müssen weiter! Gabi möchte uns noch das Zentrum von CANAT zeigen, in dem wir arbeiten werden. Sie wird von vielen Menschen im Dorf verabschiedet und umarmt - sie ist ein gern gesehener und sehr geschätzter Mensch, wie wir auch in den nächsten Wochen immer wieder erfahren werden, ganz besonders bei den Menschen, um die sich sonst niemand kümmert!

 

CANAT befindet sich hinter hohen Mauern abgeschirmt direkt neben dem großen Markt in Piura. In den Straßen ist ein lebhaftes Treiben, Händler am Straßenrand, Händler im Markt, fahrende Händler, dazwischen reihen sich Mototaxis, Fußgänger, Bauarbeiter und wieder jede Menge Müll! Die Sicherheitslage ist nicht zu unterschätzen und besonders wir "Weiße", genannt "gringas", fallen hier unter den wenigen Touristen besonders auf und unterliegen dem Vorurteil, besonders reich zu sein, schon allein deshalb, weil wir uns den weiten Flug nach Peru leisten können.

 

CANAT erscheint dagegen wie ein Idyll in all dem Trubel und Lärm. Die Räume sind alle sehr gepflegt und bunt;  die Türen bleiben auch während des Unterrichts immer offen, denn Transparenz ist hier sehr wichtig. Weiter gibt es Spielfelder, einen Speisesaal und Duschräume.

 

Doch die Arbeit hier und die Abläufe werde ich in den nächsten Tagen kennenlernen und dann darüber berichten!

 

Was ich nach den wenigen Tagen hier auf jeden Fall schon sagen kann:  hier möchte ich für ein Jahr tiefer eintauchen und freue mich, die Möglichkeit zu haben, an diesem ganz anderen und neuen Leben teilhaben zu dürfen!

 

 

 

 

 

 

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CANAT und die Ludotecas - ein Paradies für die arbeitenden Kinder

 

26.09.2018

 

Nach genau einem Monat in Peru ist schon so einiges zur "Normalität" geworden und fällt mir beinahe nicht mehr auf, was mich im letzten Blogeintrag noch regelrecht schockiert hat! Das heißt jedoch nicht, dass man deshalb über gewisse Dinge hinwegsehen oder sie sogar akzeptieren kann; z.B. der viele Müll und die schlechte Luft in der Stadt - bedingt durch die klapprigen Autos und Mototaxis, bei denen man z.T. wirklich skeptisch ist, sein gewähltes Fahrziel zu erreichen.

 

Keine Toleranz gibt es für im Bereich der Kinderarbeit und Bildung! Heute war ich um 4.00 Uhr am Morgen auf dem rießigen Fischmarkt in Piura, auf dem auch die Gastronomie ihre Einkäufe tätigt. Dort habe ich unverblümt viele Kinder mit schwer beladenen  Sackkarren gesehen, welche die Fracht der großen LKW's versorgen. Die ganz Kleinen werden an der Hand ihrer Mama durch die dunkle Nacht geführt, die ihre selbstgemachten Säfte oder Kuchen anpreist. So wachsen diese Kinder auf, ohne es anders zu kennen!

 

Um genau diese Kinder geht es bei CANAT! Das Zentrum (siehe Bild Mitte oben) ist ein Ort, an dem sie eine warme Mahlzeit einnehmen und duschen können und anschließend in ihrer Altersgruppe Fähigkeiten wie Sozialkompetenz, ihre Rechte, gesundheitliche Erziehung aber auch kleine Lerneinheiten vermittelt bekommen. Danach toben sie sich meist bei einer Fußballpartie aus - selbst für die Mädchen ist diese Sportart der absolute Favorit! Bei CANAT sind sie  in einer behüteten Atmosphäre und manche erleben sogar einen Ersatz für das zerrüttete Familienverhältnis,aus dem sie kommen.

 

Gabi, meine Chefin, hat mir von einem kleinen Jungen erzählt, dessen Mutter gestorben ist, weshalb er nun bei seiner Tante lebt, die mit dieser Aufgabe gesundheitlich und finanziell total überfordert ist. Auch er ist gezwungen, jeden Morgen bei tiefer Dunkelheit auf dem Markt zu helfen. Er würde so gerne seinen Vater kennenlernen, der an dieser Bekanntschaft aber nicht interessiert ist! Nun hat er bei CANAT einen Ort gefunden, wo er willkommen ist und KIND sein darf!

 

Ein weiterer Teil von CANAT sind die Ludotecas (siehe Bilder rechts und links oben). Diese befinden sich am Stadtrand in "Monica Zapata". Dort leben die Menschen in Hütten wie in einer Wüstenlandschaft. Alles ist umgeben von Sand, Staub und Hitze. Die Kinder spielen barfuß auf den staubigen Straßen zwischen all den freilaufenden Hunden. Für sie ist jeden Dienstag bis Freitag von 16 bis 18 Uhr die Möglichkeit gegeben, zur Ludoteca zu kommen. In vier Altersgruppen (insgesamt von 0 bis 12 Jahren) werden sie von einem sog. "formador" und einem von uns Freiwilligen betreut, um zu spielen, zu lachen, zu singen, aber auch um zu lernen, dass Gewalt und Agressivität keine Probleme löst und es wichtig ist, zuverlässig und verantwortungsbewusst sowie kameradschaftlich in der Freizeit aber auch in der Schule zu handeln! Dies wird mit den Älteren (7 bis 12jährigen) auch jew. zu Beginn und Ende der Einheit in einem Sitzkreis diskutiert. 

 

Ich darf mich zukünftig den 4 bis 6jährigen annehmen. Zugegeben, es ist die "wildeste" Truppe mit viel Energie. Da fliegt schon mal  ein Spielzeug durch die Luft, wenn es einfach nicht mit einem anderen Kind geteilt werden will! Doch darin sehe ich meine Herausforderung für die nächsten 11 Monate und gehe an jedem Abend sehr erfüllt und glücklich nach Hause! Wenn uns das Taxi bei untergehender Sonne durch die Sandlandschaft in die lebhafte Stadt zurückfährt, habe ich noch die Bilder von den Kindern im Kopf, die sich mir einfach auf den Schoß setzen und ein Buch mit mir anschauen möchten, für die ich hunderte von Mickeys und Minnies zeichnen oder Knet-Elefanten basteln soll. Ihr Lachen und ihre Dankbarkeit  ist das größte Geschenk für diesen Freiwilligendienst!

 

La tortuga - die Kinder vom Strand

 

13.10.2018

 

Dieses kleine Fischerstädtchen erscheint wie ein Paradies am Meer - getrübt jedoch vom Müll, der sich auch hier überall ausbreitet und vom Winde verweht wird. Doch dies scheint die Menschen nicht zu stören. Auch dies gehört zum Alltag, genauso wie das harte und herausfordernde Leben hier!

 

Erschöpft bin ich schon vor der Ankunft, denn die 70 km weite Strecke von Piura hierher erstreckt sich über ein Drittel der 1,5 Stunden langen Fahrt auf  holprigen und staubigen Straßen mit vielen Schlaglöchern. Die Gegend ist total unbewohnt - bis wir nach La tortuga kommen.

 

Die Bilder dort erschlagen mich beinahe: primitive Bretterhütten ohne Fenster, davor springen Hunde und Kinder auf dem staubigen Boden und Wäscheleinen baumeln im staubigen Wind. Vor einem Haus liegt ein enthauptetes Rind, das gerade zerlegt wird. Rundherum scharen sich Kinder und Erwachsene. All diese Eindrücke sind erst einmal zu realisieren - Bilder, die in meiner Heimat im gesellschaftlichen Leben undenkbar sind.

 

Genau hier  möchten wir den Kindern, die auf den Müllhalden, in der Fischerei ihrer Eltern oder auf Friedhöfen hart arbeiten müssen, ein paar schöne und unbeschwerte Stunden schenken. Die Familien sind auf jedes Einkommen angewiesen, um überleben zu können.

 

Ohne zu zögern steigen die Kleinen in unseren Van ein und so fahren wir mit 8 Erwachsenen und 15 Kindern besetzt zum ca. 15 Minuten entfernten Strand. Es ist schon absurt: das Meer liegt direkt vor ihrer Haustüre, doch ohne uns ist es für die Kinder scheinbar unerreichbar!

 

Hier toben sie sich aus, genießen das Meer, die Wellen, begutachten neugierig einen gestrandeten Delphin, sammeln Muscheln und bauen mit uns ein Haus aus Treibholz. Ein kleines Highlight wird die Zubereitung von Ceviche (rohem, mit Limettensaft mariniertem Fisch); ganz unkompliziert auf den Meeresfelsen. Die kleinen Mädchen nehmen die Fische gekonnt aus und immer wieder schieben die kleinen blutverschmierten Hände ein rohes Fischstückchen in ihren Mund. Diese Delikatesse ziehen sie selbst Schokolade vor. Das sind eben richtige kleine Peruaner, die ihre Kultur leben!

Zum Nachtisch teilen wir auf einer Decke am Strand eine große Wassermelone. Dabei legen die Kinder großen Wert darauf, dass auch wirklich jeder ein Stück bekommt und sie teilen ganz gerecht miteinander!

 

Anschließend fahren wir zurück ins Städtchen, um in der Ludoteca (Spielstube) zusammen zu spielen und zu singen. Wie die Lämmchen sitzen die Kinder im unmöbilierten Raum auf dem kalten Boden und lauschen den Märchen, die wir vorlesen. Es ist so schön zu sehen, wie ihre Augen strahlen und sie glücklich sind.

 

Der Abschied am Nachmittag fällt nicht leicht, doch wir versprechen, in zwei Wochen wiederzukommen. Mit vielen Eindrücken fahre ich zurück! Wie muss sich das Leben hier wohl anfühlen? Die meisten verlassen diesen Ort zu keiner Zeit ihres Lebens. Sie kennen nur dieses Fleckchen Erde, das abgeschnitten zu sein scheint vom Rest der Welt.

 

Doch genau dahin möchte ich bald zurückkehren - zu den kleinen Seesternchen von La tortuga!

 

 

La sierra - die Anden! Peru von einer ganz anderen Seite...

 

28.10.2018

 

Nach sechs Wochen in Peru ergibt sich aufgrund eines Feiertags die Möglichkeit, das verlängerte Wochenende für eine Reise in die Anden zu nutzen. Cajamarca heißt das Ziel, ein Luftkurort auf einer Höhe von 2.720 m Höhe über dem Meer. Deshalb warnen mich auch alle Einwohner von Piura, die nur knapp 30 Meter über dem Meeresspiegel wohnen, vor der gefürchteten Höhenkrankheit "soroche". Kokablätter werden mir schnell empfohlen und ich habe den Eindruck, bei manchen ist nichts im Gedächtnis geblieben vom herrlichen Bergstädtchen als der Schwindel und die Übelkeit...

 

Doch dazu wird es bei mir zum Glück nicht kommen. Ich freue mich auf den Käse in Cajamarca, der in ganz Peru bekannt ist. Wir leeren vor der Reise nochmals unseren Kühlschrank, um nach der Rückkehr  noch möglichst lange davon zehren zu können. Denn Milchprodukte sind in Piura sehr selten und extrem teuer! Dafür haben wir ein breites Obst- und Gemüseangebot, das ich auch nicht mehr missen möchte! 

 

Nach 10-stündiger Busfahrt durch die Nacht kommen wir am nächsten Morgen um 5 Uhr an unserem Ziel an - zugegeben etwas erschöpft, da die Peruaner wirklich extrem geräuschresistent zu sein scheinen und selbst im Bus ein lautstarker Film die Reisegäste zu unterhalten versucht. Absolut unnötig, denn auch die Peruaner ziehen es vor zu schlafen - mit dem Unterschied, dass es ihnen gelingt und uns Europäern leider nicht. In diesem Punkt muss ich in Sachen Integration noch an mir arbeiten!

 

Doch als der Tag anbricht ist die Müdigkeit schnell vergessen. Ich bin beeindruckt von der grünen Umgebung, von der sauberen Luft und dem gediegenen Verkehr. Ich komme mir fast vor wie in Hohenlohe - wären da nicht die vielen Straßenverkäuferinnen, die in ihren bunten Trachten und mit ihren großen Hüten ihre Waren anbieten: Käse, Stoffe, Süßigkeiten, natürlich auch Kokablätter, Gebäck und Schmuck. Sie nehmen  zum Teil täglich den beschwerlichen Weg vom Umland in die Stadt auf sich, um durch den Erlös ihrer Waren die Familie ernähren zu können. Die meisten von ihnen tragen keine Schuhe und haben auffallend robuste Füße. Die Stadt Cajamarca ist in den letzten Jahren beinahe explodiert, da sich viele Andenbewohner ein besseres Leben in der Stadt erhoffen, was sich leider oft nicht bewahrheitet.

 

Bei einer Tour in den Bergen bestaune ich die Spuren der Inkas, die noch immer präsent sind: ein sehr ausgeklügeltes Bewässerungssystem hat die Bewohner der Anden mit Wasser versorgt und so das Leben dort ermöglicht. Spannende Zeichnungen auf den Felsen erzählen von deren Religion, von Mythen und Göttern. 

 

Ja, ich komme mir vor, als wäre ich in ein anderes Land gereist. Mit dem Leben in Piura hat es fast nichts gemein und ich kann buchstäblich aufatmen. Die Luft ist herrlich und die Armut wenig offensichtlich. Diese konträren Eindrücke machen mich neugierig, mehr von diesem unglaublichen Land mit einer Ausdehnung von 2.600 km von Nord nach Süd kennenzulernen. Doch nun geht es erst einmal zurück zu meinen Kindern in Piura, die schon auf mich warten. Es ist schön zu wissen, dass ich dort gebraucht werde!

 

 

Willkommen zuhause in der Armut - dort, wo unsere Kinder leben

 

25.11.2018

 

Jetzt sind wir da angekommen, wo unser Projekt von CANAT ansetzt! Im Leben der Kinder, an dem Ort, wo sich ein Kind eigentlich geborgen, geschützt, sicher und gesund fühlen darf. Ein geordnetes Zuhause mit einem eigenen Bett, mit Spielsachen, einer Dusche und einem gesunden und ausgewogenen Essen.

 

Als ich das Zuhause einiger unserer Kinder von CANAT besuche, sich die "Haustüre" vor mir öffnet und ich eintrete, erschließt sich vor meinen Augen eingentlich genau das Gegenteil von dem, was für eine unbeschwerte Kindheit und die Hoffnung auf eine positive Zukunft wichtig ist!

 

Die Bilder, die ich diesem Bericht beifüge, sprechen für sich! Doch wer lebt hier, wie läuft das Leben hier ab, was sind die großen Sorgen dieser Menschen? Das habe ich mich gefragt und auf das möchte ich hier auch eine Antwort geben:

 

Louis, ca. 8 Jahre alt,  war an diesem Nachmittag mit seinen fünf Geschwistern ganz alleine im Haus, das mehr einer Hütte gleicht. Doch das ist für ihn keine ungewohnte Situation. Das kleine Schwesterchen, vielleicht 2 Jahre alt, war unbeaufsichtigt in einem Kübel mit kaltem Wasser, um zu baden. Als wir sie herausgenommen haben, war ihr Körper schon ganz kalt. Gabi, meine Chefin und zugleich die Direktorin von CANAT, hatte zufälligerweise Handtücher als Geschenk dabei. Wir haben das Mädchen abgetrocknet und in ihr schmutziges rosa Kleidchen gesteckt; etwas Sauberes war auf die Schnelle in diesem Chaos, in dem auch die Hühner und Fasane herumspringen, nicht zu finden.

 

Bei Edwin war nur die Oma mit im Haus, welche die Kinder hütet, während die Mutter auf dem Müllplatz arbeitet. Sie sucht nach recyclebaren Materialien, die für etwas Geld verkauft werden können. Die Oma hat geweint, weil sie kein Geld hat, um das Essen für heute zu kaufen. Eine richtige Arbeit zu finden, ist fast unmöglich und sie hat starke Rückenschmerzen, die sie zusätzlich quälen. Sie hat uns in die "Küche" geführt, die durch ein Tuch abgehängt ist vom anderen Raum. Dort befindet sich eine Feuerstelle auf dem Erdboden und drumherum nur Müll, der wohl noch veräußert wird. Man kann sich auf dem chaotischen Fleck von 3qm kaum bewegen.

 

Hier wird mir wieder bewusst, wie wichtig es ist, die Familien zu unterstützen! Kinder in diesem Alter alleine zuhause zu lassen, wäre für uns in Deutschland undenkbar. Es wird nach einer KiTa, Ganztagesbetreuung in der Schule geschaut oder die Großeltern springen ein. Doch hier in Peru?

 

CANAT bietet den Kindern die Möglichkeit, der Betreuung, Zuwendung und Versorgung. In dieser Zeit können die Eltern (oder oft auch alleinerziehenden Mütter) einer Tätigkeit nachgehen, ohne ihre "Aufsichtspflicht" zu verletzen. 

Bei CANAT hat jemand Zeit für die Kinder, hört ihnen zu, gibt ihnen die Gelegenheit zu duschen und ein Mittagessen einzunehmen. Hier lernen sie für's Leben: welche Rechte und Pflichten sie haben, was ein gesundes Leben ausmacht, welche Umgangsformen man pflegt - und sie haben Raum, um zu spielen! Dies sind ein paar Stunden, in denen sie keine Verantwortung tragen und Hoffnung schöpfen können auf eine bessere Zukunft - vielleicht als von CANAT ausgebildeter Koch, als Kosmetikerin oder als Schneider!

 

 

Weihnachten ist, wenn man Herzen erhellt

 

20.12.2018

 

Obwohl mein Zuhause seit vier Monaten über 10.000 km von meiner Heimat entfernt ist, von meiner Familie, meinen Kollegen und Freunden, sind meine Gedanken gerade jetzt in der Weihnachtszeit bei den Menschen, die ich zurückgelassen habe.

 

In Deutschland ist Weihnachten sicherlich schon seit vielen Wochen präsent – in den Geschäften sind die Regale gefüllt mit Leckereien, die das Fest versüßen, werden Geschenke offeriert, Weihnachtslieder ertönen im Radio, auf den Weihnachtsmärkten darf ein Glühwein nicht fehlen und die Häuser sind geschmückt und auch die Straßen präsentieren sich in funkelnden Lichtern.

 

All das erscheint mir in diesem Jahr so fremd – hier in Peru, wo gerade der Sommer beginnt und die Temperaturen von Tag zu Tag steigen. In der von „El Nino“ im Jahr 2017 gebeutelten Stadt Piura, wo ich lebe, gibt es kaum Orte, die Schönheit und Besinnlichkeit ausstrahlen. Auf den staubigen Straßen in der prallen Sonne bieten Händler mit kleinen Holzschubkarren ihre Waren an, der hektische Verkehr mit tausenden von Mototaxis zieht an ihnen vorbei und auf dem Markt sehe ich im hektischen Treiben zwischen Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch, Kleidern, Küchenutensilien, Werkzeugen und unendlichem Müll kleine Kinder spielen, deren Eltern keine Zeit haben, um sich ihnen zu widmen, mit ihnen zu spielen, zu basteln oder zu backen.

 

Hier gilt es, jeden Tag zu überleben. Dass sich ein Weihnachtswunsch der Kinder erfüllen wird, ist kaum möglich. Ein Weihnachtsbaum in einem schön eingerichteten Wohnzimmer, ein besonderes Weihnachtsessen, ein Geschenk? Für die meisten unerreichbar!

 

Doch ist es wirklich das, was Weihnachten ausmacht?

 

 

Hier erlebe ich Weihnachten in „meinem“ Peru, bei den Menschen

am Rande Gesellschaft!

 

***

Wenn der 10jährige Jesús, der vor wenigen Wochen seine an Aids erkrankte Mama

verloren hat, sich mit einem Lächeln bedankt, weil er bei uns im Zentrum von CANAT

ein warmes Mittagessen bekommt.

 

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Wenn sich die 83jährige Flora unendlich freut, weil wir sie in ihrer tristen und

dunklen Hütte besuchen und sie nicht alleine ist.

 

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Wenn die kleinen Kinder im Fischerort „La tortuga“ schon von Weitem auf uns

zuspringen, wenn wir am Samstag zu ihnen fahren, um am Strand gemeinsam zu

spielen und eine Melone oder Äpfel mit ihnen teilen, was sie sonst nie zu essen

bekommen.

 

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Wenn die kleinen „Manitos jugando“ (dt. „spielende Händchen“) sich beim Märchenerzählen

auf meinen Schoß drücken und es genießen, dass sich jemand Zeit für sie nimmt

und ihnen Zuwendung schenkt.

 

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Wenn ich die leuchtenden Augen eines jungen Häftlings im Männergefängnis sehe der

mir erzählt, dass er nun das 8. und letzte Weihnachten im Gefängnis verbringen

wird und danach endlich wieder zu seiner Familie zurückkehren und in Freiheit

leben kann.

 

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Wenn mich eine ältere Dame in der Psychiatrie einfach so an der Hand nimmt und mit

mir spazieren geht, mir Geschichten erzählt, als würde sie mich schon ewig

kennen.

 

Frohe Weihnachten mit ganz vielen Herzensmomenten!

 

Mein Weihnachtsfest in Peru - unvorstellbar und unvergesslich!

 

27.12.2018

 

So viele E-Mails habe ich zu Weihnachten aus der Heimat bekommen, für die ich mich auch an dieser Stelle nochmals ganz herzlich bedanken möchte! Und die meist gestellte Frage - "Wie feiert man eigentlich Weihnachten in Peru" - möchte ich jetzt endlich beantworten:

 

Zunächst die traditionellen und kulturellen Fakten: weil das Christkind in Europa so viel zu tun hat, übernimmt hier in Peru "Papa Noel" die Bescherung, der erstaunlicherweise trotz der enormen Temperaturen mit seinem dicken roten Mantel auf einem Rentierschlitten anreist und die Kinder ab Mitternacht beschenkt. Erst dann beginnt der Heilige Abend - die "Noche Buena" und die Familie umarmt sich Punkt 0.00 Uhr und wünscht sich "Feliz Navidad". Zuvor besucht man die Messe, die oft gegen 22 Uhr beginnt. Das Festmahl besteht dann aus Truthahn und Reis. Nicht fehlen darf ein Panetón (ein gekaufter Hefekuchen) und eine heiße Schokolade. Der 25.12. ist ebenfalls ein Feiertag, an dem dann auch tatsächlich mächtig gefeiert wird, wie man es von den Peruanern eben gewohnt ist. Einen zweiten Weihnachtsfeiertag kennt man nicht - dann kehrt bereits wieder der Alltag ein.

 

Doch nun zu meinem Weihnachten, wie ich es erlebt habe. Ich hatte den Eindruck, in diesem Jahr wirklich an dem Ort zu sein, wo Jesus geboren wurde. Im campo, auf dem Land, wo die Menschen noch mit einem Eselkarren fahren, wo die Kinder barfuß umherspringen und die Tiere mitten unter den Menschen leben. In einem kleinen Dorf, wo die Armut den Alltag beherrscht, wo das Leben viele Herausforderungen stellt und eine bescheidene Hütte oft alles ist, was es an materiellem Besitz gibt. Und doch ist es ein Ort der Freude, der Zufriedenheit und des tiefen Glaubens. Vielleicht gerade deshalb?

 

Als ich den Ort "Monte Castillo" zusammen mit drei weiteren Freiwilligen und zwei betagten Pfarrern der Jesuiten, welche die Messe zelebrieren, erreiche, ist es bereits dunkel. Hinter den Palmen und den Maisfeldern sinkt die Sonne und der Himmel ist rot und markant erleuchtet als wolle er uns darauf hinweisen, dass in dieser Nacht etwas ganz Besonderes geschehen wird. Jesus wird geboren. Hier, in einem Stall in "Bajo Piura", dem ärmlichen Landstrich außerhalb von Piura. Und tatsächlich, als wir den Ort erreichen, begegnet und schon ein mit Maisblättern beladener Esel. Wenige Meter weiter kommen wir zum Stehen, denn eine Prozession mit tösender Musikkapelle und in Tracht gekleideter Kinder holt das Jesuskind in einem Haus ab und bringt es zur Kirche. Die Freude ist groß und das ganze Dorf scheint versammelt zu sein. 

 

In der Kirche drängen sich die Menschen allen Alters. Heute wird nicht nur die Geburt Jesu gefeiert - nein; auch zwei Hochzeiten und 23 Taufen stehen an! Unglaublich! Für einen Moment glaube ich, auch die Erstkommunion wird noch gespendet, da ein Banner im Altarraum darauf aufmerksam macht und die Mädchen in schönen weißen Kleidern erscheinen. Aber nein, dieses Fest fand bereits am 8.12. satt. Die Täuflinge werden während der Messe gestillt, Hunde streifen unter den Holzbänken hindurch und bunte Lichterketten spielen zusätzlich Weihnachtslieder ab. Es ist alles andere als besinnlich und andächtig - aber genau dies macht die Kultur in Peru aus! Man freut sich, man jubelt und alle sind herzlich willkommen!

 

Nach der zweistündigen Messe inklusive Eheversprechen und Taufen stehen plötzlich wir vier Europäerinnen im Mittelpunkt. Einige Jugendliche von CANAT, die hier leben, begrüßen uns und freuen sich sehr, dass wir die Christmette bei ihnen  in "Bajo Piura" besuchen. Ein Ort, der von vielen Menschen der Mittel- und Oberschicht gemieden wird. Die kleinen Kinder kommen auf uns zu und erzählen aufgeregt, dass sie gleich das Jesuskind sehen und berühren werden! Vor der Kirche spielt laut und pompös die Musikkapelle und daneben sprüht ein Feuerwerk. Als es erloschen ist, verstaut man das große Metallgerüst kurzerhand auf dem Dach eines Mototaxis und düst davon!

 

Ich versuche, nicht an das mir vertraute Weihnachten in Deutschland zu denken, denn es gibt hier keine Parallele. Es fühlt sich so anders an in dieser komplett anderen Welt und ich nehme diese  einmaligen Momente ganz bewusst wahr! Und ich glaube, hier ist Weihnachten ganz nah!

 

Am nächsten Tag besuchen wir zusammen mit unserer Chefin Gabi einige Familien unserer CANAT-Kinder, für die an Weihnachten ein Besuch und ein Geschenk keine Selbstverständlichkeit sind. Wir

haben Kleidung, Spielsachen, Panetón und Trinkschokolade dabei und die Gesichter der Kinder strahlen, als sie diese Gaben in Empfang nehmen dürfen. Ihre Wohnverhältnisse sind dramatisch; Möbel gibt es keine, vielleicht ein paar Plastikstühle und eine alte, verschlissene und dreckige Matratze auf dem staubigen Boden. Eine große Wanne für die Wäsche und zum Baden in der Ecke der mit Holzplatten, Karton und Palmmatten zusammengeschusterten Hütte. Hühner und Hunde gehören selbstveständlich dazu und zu allem noch Müll, soweit das Auge reicht. 

 

Im Zuhause von Edwin steht sogar ein Plastikbaum, behängt mit Deko aus Recyclingartikeln und eine liebevoll aufgebaute Krippe in der Ecke. Wie schön, dass die Familie auf diese Weise Weihnachten zu sich holen konnte. 

 

Beschenkt mit ganz viel Freude durch diese Begegnungen und der Erkenntnis, dass Weihnachten im ganz Kleinen stattfindet, fahre ich zurück, in Gedanken noch bei Edwin und seinem Weihnachtsbaum.

 

3 kg Reis, 2 kg Bohnen, Öl und Thunfisch für einen Tag ohne Hunger!

 

23.01.2019

 

Unsere nächste "Mission" ist der Besuch unserer "Manitos", der "kleinen Händchen". Wir fahren heute zu den Familien , die in absoluter Armut leben! Neben finanziellen Sorgen belastet sie oft auch häusliche Gewalt, Alkohol- oder Drogenmissbrauch eines Elternteils oder es sind alleinerziehende Mütter, die täglich darum kämpfen, sich und ihre Kinder zu unterhalten.

 

CANAT hat für sie eine Lebensmittelspende organisiert und so erhalten diese Haushalte jeweils 3 kg Reis, 2 kg Bohnen, 1 Flasche Öl und 2 Dosen Thunfisch. Damit sind zumindest ein bis zwei warme Mahlzeiten sichergestellt. Ihre Lebenssituation ändert sich dadurch nicht, aber sie spüren, da ist jemand, der an sie denkt! Sie sind unheimlich dankbar für den Besuch, die Nachfrage, wie es ihnen geht und das Angebot, sich jederzeit an CANAT wenden zu können, wenn sie Hilfe brauchen. Die drei Psychologinnen bei CANAT haben die entsprechenden Verbindungen, um eine Lösung zu suchen und an die entsprechenden Stellen zu vermitteln. Oft ist es auch einfach ein offenes Ohr, eine Umarmung und ein Rat, was ihnen wieder Mut macht!

 

Meine Mitfreiwillige Marlen und ich fahren zusammen mit Don Hector, dem Fahrer von CANAT, hinaus nach "Monica Zapata", wo sich die Ludotecas befinden. Es ist so schön, wie uns "unsere Kinder" der Ludoteca schon beim Eintreffen zuwinken, als wüssten sie, dass wir heute kommen und uns schon sehnlichst erwarten.

 

Als wir an die instabilen Holz- oder Blechtüren klopfen und diese sich vor uns öffnen, offenbart sich uns ein mittlerweile nicht mehr unerwarteter Anblick: einige der Kinder treffen wir alleine zuhause an, da die Eltern arbeiten. Dabei spielt es keine Rolle, ob das älteste der vier Kinder gerade einmal 13 Jahre und das jüngste 3 Jahre alt ist. Die Wohnung ist in einem chaotischen Zustand, Küken springen durch unsere Füße hindurch und um das Essen versammeln sich Mücken. In der Ecke tönt ein Fernseher und Kleidungsstücke liegen wild auf dem Boden verteilt. Welche große Verantwortung doch schon auf diesen Kindern lastet!

 

Im Fall des 6jährigen Eric und seinem kleinen Bruder Neymar arbeitet der Vater im 1.000 km entfernten Lima, da er hier in Piura keine Arbeit findet. Die Kinder vermissen ihren Papa sehr und die Mutter der beiden kämpft gegen einen Tumor an, den man in ihrem Kopf festgestellt hat. Über die medizinische Versorgung, die in keinster Weise mit der deutschen zu vergleichen ist, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt berichten.

 

Und trotz all der Probleme und harten Lebensumstände erfahren wir so viel Herzlichkeit! Als wir mit dem Taxi in den Sandstraßen stecken bleiben, eilt uns sofort ein Vater zur Hilfe und mit vereinten Kräften einiger Jungs bringen wir das Auto wieder "in die Spur". Ganz ungeduldig fragen uns die Kinder und Eltern, wann es denn nach der Sommerpause endlich wieder weitergeht in den Ludotecas! Ein bißchen müssen sie sich noch gedulden - Mitte März, wenn die unerträgliche Hitze hoffentlich überwunden ist, heißt es wieder "Hola, bienvenidos" - "Hallo, herzlich willkommen" in der Ludoteca im "Wüstendorf" Monica Zapata. 

 

Zum Abschied bekommen wir noch ein Glas erfrischenden Saft oder ein Tütchen Avocados mit auf den Weg - das schönste Geschenk der Dankbarkeit, das wir uns nur vorstellen können!

Und es kommt von Herzen!

Eine neue Herausforderung wartet auf mich: die Arbeit in der Psychiatrie


07.02.2019


In den fünf Monaten in Peru habe ich mittlerweile sehr gut gelernt, mich auf neue und unverhoffte Situationen einzustellen: sei es, weil wir plötzlich auf der Panamericana zwei (!!!) platte Reifen haben, während des Kochens zuhause plötzlich die Flamme erlischt, weil unsere Gasflasche leer ist oder wir bei einem Ausflug mit zwei Jugendlichen von CANAT auf dem Land mit unserem Eselgespann ein Mototaxi rammen und die Feldarbeiter wutentbrannt aus dem Maisfeld auf uns zurennen!


Doch mit etwas Kreativität und Spontanität lässt sich fast immer eine Lösung finden und so bin ich auch jetzt offen und bereit für meine neue Tätigkeit in der Therapie mit den Patienten der Psychiatrischen Klinik "San Juan de Dios". Während der hitzebedingten 3monatigen Sommerferien, in denen auch die Kinder bei CANAT pausieren, findet mein Freiwilligeneinsatz hier statt.


Zugegeben - am Anfang war ich schon etwas nervös. Schließlich arbeite ich das erste Mal mit psychisch kranken Personen und habe keinerlei Fachkenntnisse dafür. Dazu kommt, dass wir Freiwillige die Therapie eigenständig und ohne einen Mitarbeiter der Klinik leiten, da diese aktuell Urlaub haben. Also springen wir einfach ins kalte Wasser, schnappen anfangs noch etwas nach Luft und können mittlerweile nach vier Wochen ganz gut schwimmen!


Wie dem Foto zu entnehmen ist, handelt es sich um eine bunt gemischte Gruppe: jung, betagt, teilweise Analphabeten, manche können sich gar nicht artikulieren und andere mit erkennbaren Stimmungstiefs, wogegen uns einige Patienten auch permament zum Lachen bringen mit ihrem Humor. Und genau diese Gegensätze machen die Arbeit aus und obwohl wir viel von uns geben, werden wir wieder unheimlich reich beschenkt!


Wenn wir am Morgen das Gelände der Klinik betreten und auf den Pavillon zugehen, in dem die Patienten wohnen, stehen sie schon am Gitter, winken uns zu und warten auf die Pflegerin, die ihnen die Pforte zu einem kleinen Stückchen Freiheit öffnet. Gemeinsam gehen wir über den Innenhof zum Therapieraum und wir beginnen mit einem gemeinsamen Morgenlied, das ich ihnen mit viel Vergnügen beigebracht habe. In der 3stündigen Therapie malen, tanzen, basteln wir, machen ein bißchen Sport oder lesen Geschichten. Als wir bei einer kleinen Faschingsfeier eine Episode von "Pippi Langstrumpf" gezeigt haben, mussten sie lachen wie kleine vergnügte Kinder, was einem das Herz aufgehen lässt!


Um 12 Uhr führt ihr Weg dann zurück zum Pavillon, um zu MIttag zu essen. Die Türen sind dann wieder verschlossen und der Nachmittag muss unendlich lang sein. Ich hoffe, dass es uns gelingt, ihnen den Vormittag zu etwas Besonderem werden zu lassen, um diese Freude in den Nachmittag mitnehmen zu können! Viele der Patienten wurden von ihren Familien verstoßen, da in Peru Menschen mit psychischen Erkrankungen von der Gesellschaft oft als vom Teufel besessen angesehen werden. In der Familie ist dann kein Platz mehr für sie - ihr Leben setzt sich auf der Straße fort; verwirrt, hilflos und ziellos. In der Klinik von "San Juan de Dios" haben sie eine Herberge, sind in eine Gemeinschaft eingegliedert und sie dürfen, je nach persönlicher Verfassung, in der Küche oder der Wäscherei mithelfen. 


Für mich ist die Klinik ein weiterer Ort, an dem ich das wahre Lebn von Peru kennenlernen kann und mich mit all meinen Kräften engagieren möchte, zumindest bis Mitte März die Kinder in CANAT wieder auf uns warten!