
Verena Engert

Mein Engagement
als Jesuit Volunteer in Peru

Von August 2018 bis August 2019 durfte ich als Jesuit Volunteer die Kinder im Projekt CANAT in Piura/ Peru begleiten.
Das Leben mit den Kindern hat mich derart bewegt und nicht losgelassen weshalb ich im März 2023 noch einmal zurückgekehrt bin, um ein weiteres Jahr ein Stück ihres Lebensweges mit ihnen zu gehen.
Und nun - seit Juli 2025 - setzt sich "meine Mission" ein drittes Mal fort, denn für die Kinder im Fischerstädtchen "La tortuga" wird ebenfalls ein Ort entstehen, an dem ihre kleinen Händchen nicht arbeiten müssen, sondern spielen und lernen dürfen.
Auf dieser Seite berichte ich über das Projekt CANAT und meine Arbeit sowie über das Leben in Peru mit all seinen Facetten.
Mich weiterhin für die Zukunft der "kleinen arbeitenden Händchen" (manitos) einzusetzen
ist mir ein Herzensanliegen!
Alleine schaffen sie es nicht, der Armut zu entkommen um ein Leben ohne Hunger und Perspektivlosigkeit zu führen.
Muchas gracias - vielen Dank für jedes einzelne Zeichen der Unterstützung!
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Marcus Tullius Cicero



Piura im Norden Perus ist eine der ärmsten Regionen des Landes. Mit der Hoffnung, Arbeit zu finden, ziehen die Menschen in die Städte. Doch ihre Träume werden in den meisten Fällen enttäuscht. Die Eltern können mit ihrem geringen Einkommen die Familie nicht ernähren. Deswegen müssen auch die Kinder früh zum Unterhalt beitragen. Zum Teil sind sie da gerade einmal fünf Jahre alt. Viele können deswegen die Schule nicht beenden. Wegen der Armut können sie sich auch keine Ausbildung leisten. Ungelernt arbeiten die meisten Kinder schwer. Sie sind Hilfsarbeiter in Läden und Restaurants oder Müllsortierer auf den Müllhalden.
Weitere über 200 junge Menschen im campo werden in staatliche Ausbildungsprogramme vermittelt, um auch ohne Schulabschluss eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu erhalten.
Sie alle eng zu begleiten und ihnen psychologisch beizustehen ist eine weitere Kernaufgabe von CANAT. Die Familien leben in extremer Armut, die Kinder sind zum Teil Gewalt ausgesetzt, schwere Erkrankungen von Familienmitgliedern sind weitere fundamentale Probleme und es ist keine Seltenheit, dass die Kinder bei Verwandten aufwachsen, da sich die Eltern nicht um sie kümmern (können).
Spendenkonto zur Finanzierung der Arbeit von CANAT:
Empfänger: Jesuitenmission
IBAN: DE61 7509 0300 0005 1155 82 (Liga Bank)
BIC: GENO DEF1 M05
Verwendungszweck: X79300 CANAT
Spendenkonto zur Finanzierung des neuen Projekt in La tortuga:
Empfänger: Amigos de CANAT
IBAN: DE58 4306 0967 1309 7673 00 (GLS Bank)
BIC: GENO DEM1 GLS
Verwendungszweck: Projekt La tortuga
Wer eine Spendenquittung möchte, kann seine Adresse in den Verwendungszweck schreiben und bekommt diese dann per Post zugeschickt.



Der Weg in eine neue Mission beginnt…
… und führt mich „ans Ende der Welt“ zu den Fischerkindern in La tortuga
September 2025
Oh weh – eigentlich wollte ich schon längst einen Einblick in die Welt hier in Piura ganz im Norden an der Küste Peru’s geben – doch kaum angekommen war es, als hätte mich das Leben sofort wieder in seinen Bann gezogen um dort weiterzumachen, wo ich im April 2024 Abschied nehmen musste!
Kurzer Rückblick:
Im Jahr 2018/19 habe ich zum ersten Mal als JesuitVolunteer – Freiwillige der Jesuitenmission – ein Jahr mit den Kindern von CANAT (= Zentrum zur Hilfe für arbeitende Kinder und Jugendliche) in Peru verbracht. Die Institution nimmt sich den jungen Menschen an, die in absoluter Armut leben und denen dadurch der Zugang zu einem der wichtigsten Rechte – nämlich dem Recht auf Bildung – mehr als erschwert wird. Die Armut zwingt zur Arbeit, um den heutigen Tag „zu überleben“. Reicht das Einkommen der Eltern (meist sind es nur Hilfsarbeiter auf dem Markt, auf dem Feld; andere arbeiten als Taxifahrer oder verkaufen eigene Speisen auf der Straße) nicht aus, so werden auch die Kinder mit in die Verantwortung genommen. Und „arbeiten“ bedeutet weit mehr als nur einen Ferienjob auszuüben oder Zeitungen auszutragen. Nein – sie schleppen um 5 Uhr morgens schwere Sackkärren auf dem Markt, sind um 2 Uhr in der Frühe mit auf dem schwankenden Fischerboot oder stehen bei sengender Sonne am staubigen Straßenrand, um Empanadas oder anderes Gebäck zu verkaufen, mit dem sie ihre Mutter alleine losgeschickt hat. Nach Hause kommen sie erst, wenn alles verkauft wurde. Und ganz oft bleiben die Allerkleinsten mit einem minderjährigen Geschwisterteil allein in den primitiven Hütten zurück, das ihr zuhause ist. Was sie dort den ganzen Tag tun? Viele Optionen gibt es nicht, denn über Spielsachen verfügt niemand. Nicht ganz ungefährlich, denn die Kriminalität ist hoch. Und wo findet „Erziehung“ statt? Dort, wo sich die Kinder zumeist aufhalten: auf der Straße in ihrem Viertel. Die Jugendlichen brechen die Schule zumeist ab, um mit ihrer Arbeitskraft zusätzlich etwas Geld einzutreiben. Nicht selten wird bei diesen extremen Lebensbedingungen auch ein Familienangehöriger krank und es sind weitere finanzielle Sorgen zu bewältigen, um ärztliche Behandlung und Medikamente finanzieren zu können in einem Staat, der seiner Fürsorgepflicht nicht annähernd in dem Umfang nachkommt, in dem wir es aus unserem Leben gewohnt sind. Armut bedeutet gleichzeitig, einer ständigen Lebensbedrohung ausgesetzt zu sein.
Genau um diese Familien – und gezielt um die Bildung und persönliche Zukunft der Kinder – kümmert sich CANAT jeden Tag auf’s Neue; und das seit bereits über 25 Jahren.
Mehr zur Arbeit von CANAT unter www.amigas-canat.com



Nach meinem ersten Einsatz hat mich das Leben dieser Kinder und Jugendlichen so sehr gepackt, dass ich in Deutschland nicht so einfach wieder „zur Tagesordnung übergehen“ konnte. Was hatte ich doch für ein großes Glück in meinem Leben: in Deutschland geboren und dadurch schon gewisse Rahmenbedingungen vorzufinden, um behütet aufzuwachsen, die Schule besuchen zu können, einen Beruf auszuwählen und erlernen zu können, die eigenen Fähigkeiten im Vereinsleben zu entdecken und auszubauen, sich gesellschaftlich engagieren zu können, Möglichkeiten zu haben, um andere Länder und Kulturen kennenzulernen, bei Krankheit ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen zu können, in Sicherheit zu leben… und noch so viel Bedeutendes mehr!
Und „meine“ Kinder hier in Piura? Almendra, José Gabriel, Fernanda, Kenyi, Dencel, Neymar… und da gibt es noch tausende mehr in Peru…? Nicht wenige werden wahrscheinlich nie in ihrem Leben lesen und schreiben lernen können. Und das nicht, weil sie es nicht wollen. Nein – weil es ihr Leben einfach nicht zulässt. Aber durch die Arbeit von CANAT haben sie eine echte Chance, es doch zu schaffen; der Armut zu entfliehen und selbst für eine Familie sorgen zu können.
Was ich dazu beitragen kann, möchte ich nicht unversucht lassen. Und so habe ich meinen Einsatz im Jahr 2023/24 noch einmal wiederholt. Doch auch nach 13 Monaten war hier ein erneuter Abschied genaht, der nach so viel begleiteten Schicksalen nochmals um einiges schwerer war, als im Jahr 2019. Für mich war klar: irgendwann werde ich zurückkehren. Doch es muss ein klarer Auftrag sein mit dem Ziel, nachhaltig etwas gestalten und verändern zu können.
Dass sich diese Mission bereits ab Juli 2025 abzeichnen würde, hätte ich damals nicht gedacht. Doch als mich Gabriela, die Direktorin von CANAT, Ende 2024 gebeten hatte, einen neuen Betreuungsort für die Kinder im 70 km entfernten und gleichzeitig entlegenen Fischerort zu erschaffen, war für mich keine Bedenkzeit nötig, um diese Aufgabe anzunehmen. Ich habe in meiner bisherigen Zeit in Piura diese Kinder immer an den Samstagen für ein paar Stunden besucht, um ihnen ein bisschen „Kindsein“ zu ermöglichen; spielen und Neues lernen zu dürfen anstatt dort mitarbeiten zu müssen, wo sie die Eltern dringend benötigen.



Mein „Auftrag“:
Seit meinem Abschied 2024 blieb das kleine Haus – die „Aula de la Mar“ leer, in der wir uns an den Samstagen getroffen und mit den Kindern gespielt, gebastelt und gelacht haben.
Doch ab März 2026 soll hier wieder Leben einziehen und für die Kinder an drei Tagen in der Woche ein abwechslungsreiches und zugleich spielerisch-erzieherisches Programm angeboten werden. Hier können sie sich ausprobieren, neue Fähigkeiten entdecken und gleichzeitig Sozialkompetenzen erlernen, die für ihr ganzes weiteres Leben von Bedeutung sind. Elementar wichtig ist auch die Arbeit mit den Eltern - denn hier in La tortuga, das durch seine Abgeschiedenheit im Nirwana zu liegen scheint, haben die Menschen ihre ganz eigenen und fest eingefahrenen Lebensansichten und -vorstellungen. Man muss sehr behutsam vorgehen und erst einmal das Vertrauen gewinnen; ganz besonders als Ausländerin! Zum Glück kommen mir hier die zwei zurückliegenden Jahre zugute.






Bestandsaufnahme:
Da ich selbst eigentlich in Piura lebe, ist der Weg nach La tortuga für mich schon die erste zu überwindende Hürde. Die Hälfte des 70 km langen Wegs ist nicht geteert. Die staubige und holprige Piste durch die wüstenähnliche Landschaft zu überwinden, ist bei den hohen Temperaturen hier oft sehr kräftezehrend. In La tortuga gibt es ein paar bedeutende Besonderheiten: man verfügt über keinen Wasseranschluss was bedeutet, dass sich jeder Haushalt einige Wasservorräte (in Form eines kleinen Tanks oder Fässern) vom Tankwagen befüllen lassen muss, um über den Monat zu kommen. Nicht immer ist es möglich, alle Häuser zu bedienen. Jeder Tropfen Wasser ist also mehr als kostbar.
Eine weitere Herausforderung sind die sanitären Bedingungen: die Häuser verfügen über keine Toilette – auch nicht über ein sog. „Plumpsklo“. Die Notdurft ist somit in einer Böschung zu verrichten, die hinab zur Küste führt. Die Pazifikbrise lässt das Toilettenpapier in alle Winde verwehen und man schaut besser auf den Boden und nicht auf’s Meer hinaus, um die vielen „Tretminen“ zu umgehen. Mindestens genauso dramatisch und besorgniserregend ist das Thema „Müll“. Ein System gibt es hier nicht. Man lässt den Müll liegen, wo es einem gerade passt. Direkt in der Straße oder in der Prärie am Stadtrand. Genauso kommt aber auch der Strand in Frage oder der Fischerhafen. Den entsprechenden Geruch und die Rudel von Hunden, die in den Müllhäufen herumwühlen, kann man sich mehr als leicht vorstellen.
Ja – das ist La tortuga! Besteht da Hoffnung auf Veränderung? Kann man hier die nachfolgende Generation zu einem Umdenken bewegen? Es scheint fast aussichtslos in einer 5.000 Einwohnerstadt, die ständig wächst. Doch jede Veränderung beginnt mit einer Hoffnung und dieser Samen muss nach dem Säen auch gepflegt und kultiviert werden. Es wird keine leichte Aufgabe sein und Enttäuschungen bleiben sicherlich nicht aus. Aber die kleinen „Tortuganer“ haben es verdient, in eine Zukunft mit menschlicheren Lebensumständen blicken zu können. Und so nehme ich die Mission auf mich!





Auf der ersten Etappe:
Das Haus, in dem sich unsere ludoteca „Aula de la Mar“ befindet, muss nun erst einmal aus seinem Dornröschenschlaf geweckt werden. Einige Arbeitsstunden liegen schon hinter mir und noch ganz viele werden folgen. Ich habe ALLES ausgeräumt, was an Schätzen zu finden war: in tiefem Sand und Staub vergrabene Bücher, Spielsachen, Sandspielzeug, Stifte und Scheren, Zahnbürsten und Seifenschalen (keine Ahnung, woher diese stammen), Werkzeuge und Arbeitsgeräte der früheren Besitzer, ca. 35 Schlafsäcke und 90 Zelte für große Gruppen früherer Freiwilligen und jede Menge Rattenkot. Genau hier fing ich an, mich zu ekeln und auch ein bisschen zu fürchten – denn zu Ratten habe ich überhaupt keine freundschaftlichen Ambitionen. Und in diesem Chaos, das ich hier vorfand, fühlen sie sich natürlich außerordentlich wohl; und dazu noch ungestört.
Was für ein Glück, dass ich Maria an meiner Seite habe. Sie ist eine der wahrscheinlich einzigen Frauen, die nicht ins Klischee von La tortuga passt: nicht verheiratet, keine Kinder, total autonom, absolut handwerklich begabt, im Besitz eines Führerscheins für die dreirädrigen Mototaxis und keinerlei Furcht oder Hemmungen – vor NICHTS auf der Welt. Dank ihr konnte das Rattennest gefunden und diesem Schrecken für mich ein Ende gesetzt werden.
Ich habe alle Fenster mit einem neuen Gitter versehen und das ganze Spielzeuginventar in mehreren Touren mit nach Piura zu CANAT genommen, wo ich über Wasser verfüge, um alles gründlich zu reinigen, den Stofftieren ein Seifenbad zu gönnen und dann alles staubdicht in Kisten zu verpacken, bis ein Umzug zurück nach La tortuga möglich ist.
Doch vorher müssen noch Wände gestrichen, Böden verlegt und vor allem ein Wassertank installiert werden. Ich habe das große Glück, über ein sog. „Silo“ zu verfügen, das mir den Toilettengang im Haus ermöglicht. Doch wie groß ist die Kapazität, bis es voll ist? Und dann…? Weitere Schwierigkeiten bereiten regelmäßige Stromausfälle. Doch damit kann man leben. Kerzen sind im Haus und gekocht wird mit Gas. Am besten also keine Lebensmittel vorhalten, die gekühlt werden müssen. Das bedeutet, überwiegend von Brot und Obst zu leben. Und was mich überaus freut: dank der Vorbesitzer gibt es einen Steinbackofen. Auch der muss erst noch von den dichten Spinnweben befreit werden – aber dann steht dem Anschüren hoffentlich nichts mehr im Weg. Das nötige Feuerholz kann ich eventuell von den Bootsbauern in meiner Nachbarschaft beziehen. Für ein frisches Brot lässt sich das sicherlich aushandeln.
Neben all den notwendigen Arbeiten werde ich so oft als möglich an den Samstagen die ludoteca für die Kinder öffnen, um sie langsam an ihr „neues Zuhause“ zu gewöhnen.
Und ab März 2026 („so Gott will“ – peruanisches Sprichwort) werde ich dann für drei Tage in der Woche fest in La tortuga wohnen, um zwei Gruppen zu eröffnen und ihnen ein Stückchen Kindheit in ihrem Alltag zu ermöglichen. Und eine tortuga – eine Schildkröte als unser Maskottchen, darf da natürlich nicht fehlen!




Einmal spüren was es heißt, zu pilgern…
Auf dem Weg zur „Virgen de las Mercedes“ in der Hafenstadt Paita
24. September 2025
Wie ich auf diese Idee gekommen bin? Das erzähle ich gerne: jeden Tag begrüßt mich herzlichst der 70jährige Señor Pizarro vor der Eingangstüre von CANAT. Er sitzt dort auf einem primitiven Schemel und repariert alte Schuhe, die er verkauft. Und jeden Tag unterhalte ich mich kurz mit ihm; manchmal auch ein bisschen ausführlicher. Er erzählte mir schon vor zwei Jahren von seiner krebskranken Tochter, deren Lebenserwartung von den Ärzten nur noch in Monaten definiert wurde. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt ein 6 Monate altes Baby und ein Kleinkind und die familiären Sorgen waren unermesslich, denn ohne Geld ist hier jede Krankenbehandlung ausgeschlossen. Doch mit seinem geringen Einkommen, das manchmal nicht einmal ein Mittagessen ermöglicht, war eine finanzielle Unterstützung seiner Tochter undenkbar.
Und genau für seine Tochter – und um ihre Genesung zu erbitten – hat er den langen Weg von rund 200 km in die Andenstadt Ayabaca auf sich genommen, um dieses Anliegen vor den „Señor Cautivo“ zu bringen. Fünf Tage braucht er, um dort anzukommen. Er begeht diesen Weg über Stock und Stein, bei Regen und Kälte und mit all den Gefahren, abstürzen zu können. Lediglich mit einem Pilgerstab, Sandalen und seinem Pilgermantel ausgestattet. Einen Schlafsack hat er von Gaby, der Direktorin von CANAT, dafür geschenkt bekommen. Mittlerweile pilgert er zum fünften Mal nach Ayabaca und geht den Weg ganz alleine.
Dieser tiefe Glaube und der starke Wille, die Strapazen durchzustehen, um dadurch auch Leid von seiner Tochter nehmen zu können, hat mich stark beeindruckt und innerlich bewegt. Und als der Feiertag der „Virgen de las Mercedes“ näher rückte, habe ich mich ernsthaft mit dem Gedanken des Pilgerns befasst. Paita ist wesentlich näher als Ayabaca. Es sind rund 60 km bis zur Hafenstadt, wo die Fischer ihre Heilige verehren. Das traue ich mir zu – so ganz ohne Erfahrung im Pilgern. Doch nicht alleine! Die Gefahr, überfallen zu werden, ist auch als Pilger nicht zu unterschätzen, zumal man viele Stunden auch in der Dunkelheit unterwegs ist.
Dank des Portiers von CANAT – Don Jorge – habe ich Kontakt gefunden zu einer Gruppe junger Menschen aus Catacaos, der Nachbarstadt von Piura. Ich habe ihre Versammlung besucht und wurde sofort herzlich eingeladen, mit ihnen gemeinsam zu pilgern. Am Dienstag, den 23. September um 16 Uhr solle ich an der Brücke der Schnellstraße zwischen Piura und Catacaos stehen. Ab da beginnt dann unser gemeinsamer Weg. Mein Entschluss war gefasst!
Typisch Peru – mit einer Stunde Verspätung trifft die Gruppe dann am vereinbarten Treffpunkt ein. Fast alle etwa fünfzehn Pilger zwischen 20 und 26 Jahren haben lediglich Sandalen oder Crogs an, sind bestückt mit einem Rucksack, an den sie ein Deckenbündel für das Schlaflager gebunden haben oder tragen ihr Gepäck in einer Plastiktüte mit sich. Mit meinen festen Turnschuhen und dem Rucksack mit verstärktem Rückenteil bin ich vergleichsweise luxuriös ausgestattet.
Aufgrund der Verspätung sputet die Gruppe in einem äußerst sportlichen Stechschritt voran und ich habe ernsthaft Sorge, dass wir alle unsere Kräfte bereits in die ersten Kilometer investieren und nach kurzer Zeit ausgepowert sein werden. Besonders der sandige Untergrund zwischen den Anbaufeldern, durch die wir laufen, macht das Vorankommen sehr mühsam. Ich spüre, wie mich zahlreiche Moskitos attackieren, obwohl ich lange Kleidung trage. Und ruck-zuck wird es dunkel (in Piura ganzjährig um 18.30 Uhr). Werden wir den Pfad überhaupt noch erkennen? Schon in den ersten 10 Kilometern werden mir sämtliche Erschwernisse bewusst, die dieser Pilgerweg mit sich bringt und mich besorgt, dass die Gruppe den Weg auch nicht mehr ganz genau in Erinnerung hat.
Als wir am ersten großen Eisentor angelangen, das das Weitergehen verhindert, befürchte ich schon, dass wir weite Teile wieder zurückgehen müssen. Die ersten klettern über das ca. 2,50 m hohe Tor bis man einen Durchschlupf neben dem Tor entdeckt. Wir zwängen uns hindurch und es wird Hektik verbreitet, um voranzukommen. Wenig später treffen wir auf Rudel Hunde, das sich vor uns stellt und uns anbellt. Und jetzt? Daneben ein weiteres großes, verschlossenes Tor. Dahinter steht der Besitzer und weist uns darauf hin, dass es hier kein Durchkommen gibt. Die Anbaufelder stehen alle unter Wasser uns sind nicht zu passieren. Also drehen wir eine große Schleife, bis wir an der riesigen Zementfirma „Pacasmayo“ angelangen. Nun scheinen wir in einer Sackgasse zu sein. Doch man findet auch hier einen Spalt im Gebüsch, der uns einen Pfad aufweist. Allerdings ist dies ein Sumpfgebiet und jeder Schritt sollte wohl überlegt sein. Die wenigen Taschenlampen und zusätzlichen Handylichtlein, die uns etwas Dämmerlicht verschaffen, helfen uns, nicht einzusinken.
Und ab da verliere ich völlig das Zeitgefühl. Ich weiß, dass uns noch weit mehr als die Hälfte des Wegs bevorsteht. Es ist mittlerweile schon 22 Uhr und eigentlich wollten wir schon lange eine Pause zur Stärkung einlegen. Die Gruppe hat sich sehr zerrissen und man läuft in Kleingruppen durch die stockfinstere Nacht. Ohne eine kleine Lichtquelle hätten wir uns definitiv nicht mehr orientieren können. Wir befinden uns mittlerweile in einem absoluten Wüstenabschnitt. Sand, soweit das Auge reicht. Immer wieder leicht ansteigende Dünen und ein Untergrund, in den man bei jedem Schritt einsinkt. Ich spüre das Gewicht in meinem Rucksack und trage ihn mal auf dem Rücken, mal auf die Brust geschnallt.
Gegen Mitternacht gelangen wir an eine verlassene Hütte, die uns als Unterschlupf für eine Vesperpause dient. Während ich mein belegtes Brötchen und einen Apfel auspacke, öffnen meine peruanischen Mitpilger ihre Plastikboxen und verspeisen ihren Reis mit Hühnchen. Alles andere ist hier kein „richtiges“ Essen. Die Wasserblasen, die sich an den Druckstellen ihrer Latschen gebildet haben, werden mit einem Ohrstecker aufgestochen, ausgedrückt, mit einem Feuchttuch abgetupft und in den Strumpf eine Damenbinde zur Polsterung eingelegt. Weiter geht’s. Zimperlich ist hier niemand.!
Und wir laufen, und laufen und laufen – in der Hoffnung, irgendwann hinter den Dünen endlich einen kleinen Lichtschein vom Lager zu erkennen, wo wir für zwei Stunden ausruhen werden. Aber diese Hoffnung erfüllt sich erst nach weiteren zwei Stunden Marsch. Ich werde begleitet von Matias und seinem besten Freund. Bei ihnen bin ich bester Gesellschaft und sie fragen immer wieder „Cómo vas?“ – „Wie geht es dir?“ Mir scheint, als sei ich in noch deutlich besserer Verfassung als sie, obwohl mir die rechte Fußflanke und auch die Knie immer mehr Probleme bereiten. Die beiden humpeln immer mehr und ich merke, wie sehr sie das Schritthalten anstrengt. Matias hat eine kleine Laterne dabei, die uns durch die Nacht begleitet. „Das Licht der Welt“, sagt er spaßhalber. Am dunklen Horizont erhebt sich nicht ein einziges Lichtlein. Das Durchhalten wird immer anstrengender aber aufgeben ist keine Option. Von der Müdigkeit, dem schweren Rucksack und den schmerzenden Beinen lässt sich nicht ablenken. Doch aufgeben ist keine Option. Und irgendwann erreichen wir nach dem Überwinden zahlreicher Dünen ENDLICH unser Schlaflager. Ein paar Planen sind als provisorisches Dach aufgespannt und eine weitere Plane dient als Unterlage zum Schlafen. Ich lasse mich nieder, befreie meine Füße von den Schuhen und hole meinen Schlafsack heraus. Den Rucksack fest umklammert – in der Hoffnung, dass er mir nicht geklaut wird, nutze ich die kurzen zwei Stunden, die meine beiden Mitpilger als Ruhezeit eingeräumt haben. Dutzende weitere Pilger kommen und gehen. Es gibt kaum Licht, deshalb erkennt man das Drumherum lediglich in Konturen. Getränke und ein kleiner Imbiss sind zu erwerben. Doch wir halten uns nicht länger auf – um 4 Uhr in der Frühe geht es dann weiter – Schritt für Schritt durch die dunkle Nacht.
Wir sprechen kaum noch, denn die Kräfte müssen eingeteilt werden. Mittlerweile sind wir auf der asphaltierten Schnellstraße angekommen, die aufgrund der frühen Morgenstunde noch kaum befahren ist. Ich würde gerne einen schnelleren Gang einlegen, doch die beiden Jungs haben offensichtlich starke Schmerzen in den Beinen. Ich habe in meiner Reiseapotheke auch Schmerztabletten dabei, die ich ihnen anbiete. Sie hätten sie auch genommen – aber auf fast leeren Magen ist das keine gute Idee. Also weiter durchhalten; und es fehlen noch mindestens 20 km bis zur Basilika in Paita. Irgendwann hängt uns Mathias plötzlich ab und wird in der Ferne auf der schnurgeraden Piste immer kleiner. Am Straßenrand steht ein Auto, von dem aus Kaffee und ein halbes Margarinebrötchen ausgegeben wird. Welch nette und willkommene Geste! Und dann geht langsam die Sonne auf und wirkt zugleich wie ein Hoffnungsschimmer.
Als wir dann – mitten im kargen Nirwana – an eine verlassen erscheinende Tankstelle gelangen, treffen wir wieder auf Matias, der hier einen Stopp eingelegt hat, damit sich die Gruppe – auch mit nachfolgend eintreffenden Pilgern unserer Kompanen, wieder sammelt. So schwer mir der Entschluss fällt- aber ich muss hier leider aussteigen. Die Schmerzen meines rechten Fußes haben derart zugenommen, dass ich die über 10 verbleibenden km unmöglich noch überwinden kann. Ich möchte es nicht auf eine ärztliche Behandlung ankommen lassen und breche deshalb lieber rechtzeitig ab – überglücklich über die Erfahrung, die mir meine Mitpilger ermöglicht haben und dankbar dafür, dass ich ein Teil von ihnen sein durfte.
Ich wünsche ihnen für die verbleibende Strecke noch viel Kraft und ein gutes Ankommen. Eines der Mädchen bietet mir eine Fußmassage an, um doch noch mit ihnen bis zum Ende mitgehen zu können. Aber ich spüre, dass es damit allein nicht getan ist. Ich stelle mich an den Straßenrand und hebe bei den vorbeiziehenden Bussen die Hand in der Hoffnung, einsteigen zu dürfen. Es gelingt nicht sofort, doch dann hält einer der Überlandbusse und nimmt mich mit. Er ist zwar schon voll, doch auf einem umgedrehten Plastikeimer neben dem Schalthebel findet sich noch ein Plätzchen für mich. Von all den gewohnten Sicherheitsmaßnahmen aus dem deutschen Straßenverkehr habe ich mich schon lange verabschiedet – gezwungenermaßen. In jedem Fahrzeug hängt ein Anhänger mit einem Heiligen, der diesen wichtigen Part übernimmt.
Und vermutlich hat es so sein sollen, dass mich meine Füße nicht bis nach Paita getragen haben – denn sonst wäre ich niemals mit dem sympathischen Chauffeur Eduardo ins Gespräch gekommen der sich freut, auch einmal einen deutschen Fahrgast befördern zu dürfen. So zentrumsnah wie nur möglich lässt er mich aussteigen und hat bis dahin sogar ein paar deutsche Worte gelernt. Und dann steige ich die vielen Treppen zu Fuß hinab, um der „Virgen de las Mercedes“ zu danken, dass sie mich zu ihr geführt hat mit der Bitte, mich auch weiter auf meinem Weg in Peru zu begleiten.
Es erschien mir wichtig, diese Erfahrung an dieser Stelle zu teilen. Mein Weg hat lediglich 18 Stunden angedauert und in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit habe ich ganz deutlich gespürt, wie stark der Wille sein muss, um diese Strapazen durchhalten zu können. Und in meinem Fall war es die eigene, freiwillige Entscheidung! Doch wie viele Menschen – allein in Piura – leben tagtäglich in solchen Konditionen: kein Zuhause, kein Schlafplatz, übermüdet von schwerer körperlicher Arbeit, um wenigstens eine Mahlzeit am Tag einnehmen zu können, stechende Sonne am Tag, Kälte in der Nacht, der Schlafplatz auf dem puren Erdboden… Und gerade heute, in den Tagen kurz vor dem 12. Oktober, ist der Pilgerstrom zum „Señor Cautivo de Ayabaca“ noch viel größer. Ich habe größten Respekt vor allen Menschen, die diese Strapazen auf sich nehmen, um ihr persönliches Anliegen vorzubringen in der Hoffnung, erhört zu werden.
Und was mich ganz besonders freut: Señor Pizarro, der Händler vor der CANAT-Türe, hat mir nach meiner Rückkehr angeboten, mich im nächsten Jahr nach Paita zu begleiten – und zwar in seinem Tempo – um auch wirklich zu Fuß dort anzukommen! Welch bemerkenswerte Geste!!! Doch genau so sind die Menschen in Peru, die schon lange tief in mein Herz eingedrungen sind!






Von Menschen mit „anderen“ Fähigkeiten
… berichte ich hier, wo CANAT Jugendliche mit Beeinträchtigungen stärkt
Oktober 2025
Kaum hatte ich das Zentrum von CANAT im Juli betreten, da hat mir Andrea, die Psychologin von CANAT, mitgeteilt: „Verena, wir brauchen dich im Projekt >desarrollo mi autonomía<!“ was übersetzt soviel bedeutet wie „Eigenständigkeit entwickeln“. Das Programm bezieht sich auf geistig beeinträchtigte Jugendliche, wobei CANAT versucht, diese Bezeichnung zu vermeiden. Sie sind Menschen wie du und ich – aber sie sind auf ihre ganz besondere Art eben anders. Nicol und ihre Schwester Keyla sind lerngeschwächt, Jesús und Azucena können sich sprachlich nur schwer artikulieren und haben zudem haptische Schwierigkeiten, Medelyn hat eine Sehstörung, Joselyn ist extrem schwerhörig und Pedro muss dringend in der Entwicklung gefördert werden, da sein 70jähriger Vater und die geistig beeinträchtigte Mutter dies versäumt haben.
So ist jeder Teilnehmer wirklich EINZIGartig und hat es dadurch im Leben leider noch einmal schwerer, als Gleichaltrige, die genauso in extremer Armut aufwachsen, aber eben durch ihre körperliche Arbeit zumindest eine kleine Chance haben, etwas zu verdienen und den Tag überstehen zu können.
CANAT hat für diese sieben jungen Menschen ein spezielles Programm ins Leben gerufen, das es erst seit einem Jahr gibt. Ziel ist, ihre Eigenständigkeit zu stärken und ihre Fähigkeiten auszubauen, damit sie selbst ein kleines Einkommen erzielen können – anhand von Handarbeiten oder selbst gemachten Speisen, die sie auf der Straße oder in einem kleinen Laden in ihrem Haus verkaufen können. Man muss wissen, dass man in Peru dafür keine Bewilligung benötigt. Dieser informelle Sektor sichert ca. 80% der Peruaner ihren Lebensunterhalt!
Puh – eine neue Herausforderung für mich, denn ich bringe für diese Aufgabe keinerlei Vorkenntnisse mit um zu wissen, wie ich mit den einzelnen Handicaps professionell umgehen soll. Doch darauf kommt es gar nicht an. Mit dem Herzen handeln und den Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen – das ist der Schlüssel! Und so war ich in den ersten Wochen zunächst damit beschäftigt, jeden Einzelnen etwas näher kennenzulernen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Mit Nicol, Jesús und Joselyn hatte ich in meinen früheren Einsätzen schon Kontakt in der ludoteca, was mir nun natürlich als kleiner Vorschuss zu Gute kommt.
Teilnehmen dürfen auch die Eltern, die alle lediglich als Taglöhner tätig sind und zumeist vom Recyceln von Müll leben. Einige von ihnen können weder lesen noch schreiben. Ein Zusatzeinkommen in Form vom Verkauf selbst hergestellter Produkte wäre ein deutlicher Fortschritt. Und einen weiteren Vorteil konnte ihnen CANAT verschaffen: einmal in der Woche ist eine Lehrerin einer staatlichen Einrichtung in unseren Kursen mit dabei, welche ihnen das Kreieren von Dekorationsartikeln für Geburtstags- oder andere Feiern beibringt. Auch dies ist ein lukrativer Geschäftszweig. Wenn die Teilnehmer alle Kurseinheiten lückenlos besuchen, wird ihnen am Jahresende ein offizielles Zertifikat ausgehändigt, mit dem sie die Möglichkeit haben, Arbeit zu finden.
Und das haben wir schon alles gelernt: Stricken allein mit den eigenen Fingern – ganz ohne Stricknadel. Kreieren von kleinen Sorgenpüppchen, die in Deutschland auf dem Weihnachtsmarkt der Realschule in Krautheim zu erwerben sind. Herstellung von Schmuck aus Perlen und Muscheln. Basteln von Schmuckschachteln aus Papier. Binden von kleinen Büchlein. Fabrizieren von Dekoartikeln wie Papierblumen, Girlanden und der berühmten Piñata.
Es ist beeindruckend zu sehen, wie sich die Gruppe von Woche zu Woche weiterentwickelt, wie Freundschaften entstehen und die raue Ausdrucksweise sich zunehmend höflicher gestaltet. Hilfsbereitschaft beobachte ich und Rücksichtnahme. Werte, die zu Beginn oft gefehlt haben und die Arbeit deutlich erschwert hat. Doch – wie so oft im Leben – ist Geduld und Ausdauer gefragt. Nicht aufgeben und weiter an das Erreichen der Ziele glauben und dafür auch alle Energie aufwenden. Das gilt für mich, wie auch für unsere EINZIGartigen Jugendlichen!
In der nächsten Woche gehen wir dann über in die Küche und somit zu Rezepten, die sie zuhause auch tatsächlich realisieren können. Nicht ganz einfach, denn über einen Ofen verfügt niemand, über einen Kühlschranke ebenfalls fast niemand – und manche Familien kochen mit Holz auf dem offenen Feuer. Aber auch hier werden wir einen Weg und die passenden Rezepte finden.
Was dann die größte Herausforderung darstellen wird: wie kommen die Erzeugnisse zu ihren Kunden, die ja erst einmal generiert werden müssen!? Eine „feria“ – ein Messestand bei einer Aktivität im Advent – könnte ein erster Anfang sein… Ich werde berichten!
Und wen ich nicht vergessen möchte zu erwähnen: den kleinen Edson. Mit nur fünf Jahren ist er der jüngste Teilnehmer und kommt in Begleitung seiner Mama und seiner großen Schwester Medelyn. Sonst wäre er für fünf Stunden ganz allein zuhause. Die Spielsachen, die ich bei CANAT zur Verfügung habe, genießt er in vollen Zügen und geht so fürsorglich und liebevoll damit um, dass es mir das Herz erwärmt. Ganz besonders haben es ihm der Bauernhof und seine Tiere angetan, welche ich im Jahr 2022 zu CANAT geschickt habe. Und es könnte sich wirklich niemand mehr darüber freuen als der kleine Edson!!!







„El Día de todos los Santos”
… wie man „Allerheiligen“ in Perú zelebriert, ist einzigartig!
1.November 2025
Für mich war es ja nicht das erste Mal, diesen Feiertag in meiner „2. Heimat“ zu begehen – doch er hat mich fast genauso ergriffen wie im Jahr 2018!
Gegensätzlicher zu den deutschen Ritualen könnte er nicht sein, der Feiertag „Allerheiligen“ am 1. November. Doch eine Gemeinsamkeit besteht: man besucht die verstorbenen Angehörigen an ihren Gräbern und gedenkt ihrer. Dass man dies hier in Peru wirklich mit ganzem Herzen tut, zeigt sich in tausenden von Details:
Schon Tage zuvor werden Blumen (sowohl echte als auch Plastikvariationen), „angelitos“ (kleine bunte Kekse) und Heiligenbilder (in einem Plastikbeutel vor Staub und Sonne geschützt) auf den Straßen, vor den Friedhöfen und auf dem Markt lauthals angeboten. Spätestens dann wird klar: ein sehr bedeutender Feiertag, der sich am 2. November fortsetzt, rückt näher!
Am 1. November gedenkt man ganz besonders der verstorbenen Kinder. Deshalb werden die Kekstütchen zu 2 Soles (50 Cent) verkauft oder sogar von den Familien, die ein Kind verloren haben, an andere gleichaltrige Kinder verschenkt. Auf den Friedhöfen herrscht ein ständiges Kommen und Gehen; und ganz besonders ab 22 Uhr gibt es zum Teil fast kein Durchkommen an den Friedhofstoren. Davor reihen sich Stände mit Getränken, Grabschmuck und gegrillten Rinderherzen oder frittierten Kartoffelbällchen auf.
Auf dem Friedhof von Catacaos spricht mich der 8jährige Ian Carl an, der auf einmal neben mir steht. Er trägt einen Rucksack und viel zu große Latschen und fragt mich neugierg mit seiner sehr herzlichen und höflichen Art: „Wie heißt du und wo kommst du her? Wie feiert man in deinem Land Allerheiligen? Und wie alt bist du?“ Ich beantworte all seine Fragen und wir spazieren gemeinsam über den unermesslich großen Friedhof – vorbei an all den 5stöckigen Grabwänden, die mit Kerzen, an Kabeln abgehängten Glühbirnen, Heiligenbildern und (Kunst-)blumen dekoriert sind. Wir müssen Acht geben, wo wir entlanggehen denn der Erdboden hat bei der Dunkelheit mit seinen kaum erkennbaren Löchern viele Sturzgefahren. Ein offenes Erdgrab ist mit einem Stück Wellblech zugedeckt und mit Steinen bewert. Ian Carl steckt mir zu, dass er es schon hochgehoben und hineingespickt hat. Es liegen Knochen darin. Aber es gruselt ihm deshalb nicht. Er verbringt die ganze Nacht hier, um Geld zu verdienen. Er putzt Gräber und steigt auf die hohen Leitern, um Kerzen und Schmuck anzubringen. „Vamos a velar“ – ist heute der gebräuchliche Satz was bedeutet, dass man mit Kerzen auf den Friedhof geht und so lange bleibt, bis eine nach der anderen am Grab abgebrannt ist. Da es seine Zeit braucht, deckt man sich mit ausreichend Essen ein und setzt sich um die Gräber herum. Manche hören auch Musik dabei oder unterhalten sich. Wieder andere sind in sich vertieft und man spürt, dass sie trauern und der Schmerz um das verstorbene Familienmitglied noch immer tief sitzt.
Zugegeben – es ist ein seltsames Gefühl, als „Zuschauer“ hier anwesend zu sein und durch das „andere Aussehen“ von mir und einer Gruppe von weiteren Freiwilligen fallen wir natürlich sofort auf; auch wenn es dunkel ist. Doch ich kann mich in die Lage der Menschen hineinversetzen und versuche, ihre Gefühle mit Würde zu teilen. Und ich fühle mich getragen in diesem Ambiente, das einen die Gemeinschaft und die Verbundenheit in Trauer, aber auch eine gewissen Fröhlichkeit über das Zusammensein mit dem Verstorbenen, sehr deutlich spüren lässt.
Als ich mich von Ian Carl verabschiede, frage ich ihn, was er denn mit seinem verdienten Geld machen möchte. „Ich spare es, damit ich es dann ausgeben kann, wenn ich es brauche!“ So traurig es ist, diese Kinderarbeit direkt vor Augen zu haben, wünsche ich ihm, dass er sich damit einen ganz besonderen Wunsch damit erfüllen kann. All den vielen Kindern in den kleinen Gräbern ist dies nicht mehr möglich – aber ihre Familien werden sie für immer in ihr Herz einschließen und auch im nächsten Jahr wieder „angelitos“ für sie verschenken!










*** Feliz Navidad *** Frohe Weihnachten ***
Das allergrößte Weihnachtsgeschenk haben mir die Allerkleinsten beschert
Dezember 2025
Weihnachten steht vor der Tür – auch in Piura findet man Lichterketten, die in den Parks aufgehängt sind, Santa Claus mit seinem Rentierschlitten ist schon in Position und aus den Nachbarhäusern in meinem Viertel erklingt anstatt Cumbia-Musik ein flotter Weihnachtssong nach dem anderen.
Die äußeren Umstände machen es einem ziemlich schwer, Weihnachten zu fühlen. Es wird jeden Tag heißer und die Sonne gibt schon morgens um 9 Uhr alles denn schließlich beginnt hier so langsam der Hochsommer.
Doch was ich in den beiden letzten Wochen erleben durfte, ist wohl mein größtes Weihnachtsgeschenk aller Zeiten, das ich gerne mit all den Menschen in der fernen Heimat teilen möchte, die uns hier in Gedanken weiter begleiten und dadurch so vielen Herzen einen wunderbaren Weihnachtsmoment ermöglichen!
Seit dem Weggang einer unserer Psychologinnen bei CANAT im September wurde mir das Programm der Jugendlichen mit Handicap „Desarrollo mi autonomía“ zugeschrieben, in dem deren Eigenständigkeit gefördert werden soll. Ziel ist, kleine Handarbeiten und einfache Rezepte zu erlernen, um diese Produkte auf der Straße verkaufen zu können. Dies soll ihnen ermöglichen, ihren Lebensunterhalt zu sichern, denn im „normalen Alltag“ sind sie verloren – der Staat ebnet ihnen den Weg nicht, um sie einzugliedern und sich als Teil der Gesellschaft fühlen zu können.
Und so haben wir in den letzten Monaten viel gelernt: Dekorationen für Feiern (Girlanden, Piñatas, Seidenrosen…) und Leckereien wie Marmelade, Brot und Aufstriche, Pralinen...
In einer kleinen Verkaufsbörse am 10. Dezember haben wir dann einige unserer Produkte den CANAT-Mitarbeitern zum Verkauf angeboten. Es war die erste Erfahrung für die Jugendlichen und ihre ebenfalls teilnehmenden Mütter, direkt mit Kunden im Kontakt zu stehen – und sie haben das ganz ausgezeichnet gemacht. Der Erlös soll ihnen als Startkapital für ihr eigenes Verkaufsgeschäft dienen – sogar ein Logo hat jeder kreiert.
Eine der Spenden aus der Heimat habe ich verwendet, um den Teilnehmern eine eigene Schürze zu überreichen. Schade, dass ich dieses Strahlen hier nicht live wiedergeben kann. Wie haben sie sich gefreut!!! Und all unsere Besucher haben sie in ihrer bunten Erscheinung bestaunt und die Produkte fleißig gekauft. Nun haben wir uns in die Ferien verabschiedet und hoffen, an diesem Herzensprojekt im neuen Jahr weiterträumen zu dürfen. Sie wünschen es sich so sehr (.., und ich auch…).









Und dann - am 15. Dezember - beginnt für mich eine Woche, an die ich mich wohl jedes Jahr zu Weihnachten auf`s Neue erinnern und die ich nie in meinem Leben vergessen werde…
„Meine Mission“ scheint sich hier mit Leben zu füllen und Herzen verbinden! Die Kinder im Fischerort La tortuga sollen eine ganze Woche lang in die ludoteca kommen dürfen und jeden Tag ein bisschen von Weihnachten spüren. Bisher war die Tür nur samstags geöffnet.
Im Gepäck habe ich alle Bastel- und Backmaterialien, Proviant für eine Woche und glücklicherweise einen kleinen Kühlschrank, da bei der Hitze sonst alles verdorben und vor den vielen Ratten dort nicht sicher gewesen wäre. La tortuga lebt in äußerst primitiven Konditionen: kein Leitungswasser (wir haushalten mit einem Eimer Wasser um sich zu waschen und zum Putzen; trinken kann man dieses Wasser auf keinen Fall), keine Toiletten (wir sind privilegiert und haben ein Silo, das uns leider Ratten ins Haus geführt hat), Unmengen von Müll soweit das Auge reicht – ebenfalls ein Paradies für Ungeziefer. Strom ist zum Glück wieder zurück seit den letzten Aufenthalten dort.
Begleitet von zwei Mitfreiwilligen über die Woche hinweg habe ich folgenden Plan gestrickt: Basteltag – Musiktag mit Singen und Tanz – Backtag mit Ausstecherle aus dem Holzbackofen – und zum Abschluss eine kleine Weihnachtsfeier, zu der auch die Familien der Kinder eingeladen sind.
Bisher hatten uns zwischen 8 und 20 Kinder in der ludoteca besucht. In dieser Woche wurden wir förmlich überrannt. Beginnend mit 10 Kindern am ersten Tag werden es im Laufe der folgenden Tage 30 Kids. Wir haben ein Schild kreiert „Ludoteca geöffnet“, was sie erkennen ließ, dass die Tür nun offen steht. Die Altersspanne bewegte sich zwischen 4 und 10 Jahren und nie habe ich gewusst, wie viele heute wohl kommen werden. Also ist minütlich Flexibilität gefragt: Vorbereitung der Materialien, noch etwas aus dem Ärmel schütteln wenn es nicht reicht, Streiterein schlichten, beim Basteln assistieren, Aufmerksamkeit schenken wenn die Kinder stolz vor einem stehen und ihr Ergebnis präsentieren und ab und an auch ein Tränchen trocknen.
Die größte Herausforderung war der Backtag. Das haben sie alle noch nie gemacht und umso größer war die Euphorie. Doch 30 können nicht auf einmal an den Backtisch. So haben wir zwei Gruppen gebildet: zuerst basteln, dann backen – oder umgekehrt. Doch was, wenn alle zuerst in die Backstube möchten? Mit dem wenigen Wasser auch die Hygiene sicherzustellen ist eine weitere Schwierigkeit. Die Kinder kommen mit schmutzigen Händen und immer wieder verirren sich auch die Straßenhunde in unsere Spielstube. Mit entsprechender Planung war auch das alles gelöst. Mit Abfallholz der Bootsbauer habe ich den Holzofen angeschürt und Mühe gehabt, genügend Hitze in den Ofen zu bringen, doch mit etwas glühender Kohle unterm Blech hat es dann doch geklappt.
Am Folgetag haben wir spontan eine Müllsammelaktion in unserer Straße umgesetzt. Im Nachbarhaus war eine Woche zuvor das 2jährige Enkelkind tödlich verunglückt, da es vom 2. Stock des Hauses gestürzt ist. Man hat hier üblicherweise nur Flachdächer ohne Brüstung – eigentlich zum Trocknen der Wäsche. Wir alle waren von diesem Vorfall geschockt! Es fand eine Gedenkfeier mit unzähligen Menschen vor dem Haus der Familie statt und der Plastikmüll des ausgeteilten Essens wirft man hier ganz selbstverständlich auf den Boden.
Es war unglaublich, mit welchem Eifer die Kinder freiwillig die beiden Müllsäcke gefüllt haben. Zum Dank haben wir ihnen ein Plätzchen zum Naschen versprochen – alle anderen waren für die Weihnachtsfeier vorgesehen. In Reih und Glied haben sie sich hinter der Wanne aufgestellt, um die kleinen schmutzigen Händchen zu waschen. Dann gab es das wohlverdiente Ausstecherle und alle haben bis über beide Ohren gestrahlt.
An jedem Tag haben uns die Kinder umarmt, bevor sie nach Hause gegangen sind. Sobald ich das Haus verlassen hatte, hörte ich meinen Namen aus irgendeiner Richtung und sofort kam wieder ein Grüppchen Kinder angerannt. „Verena, Verena, queremos jugar!“ („Verena, Verena, wir wollen spielen!“).
Zu sehen, mit welcher Hingabe sie in ihre Basteleien vertieft sind, wie die Älteren den Jüngeren helfen, wie sie ordentlich ihre Schuhe vor dem Eingang abstellen, bevor sie eintreten, wie sie schon vor Beginn der Stunde an die Tür klopfen und eintreten möchten…
Ich habe mein Weihnachtsgeschenk bereits erhalten – und zwar das Größte das es gibt von den Allerkleinsten hier am Ende der Welt – in der Welt der Fischerskinder von La tortuga.











